Mittwoch, 28. Januar 2009

You don't know Gerhard...

Gerhards Eigenarten machten in unserem Wohnheim sehr schnell die Runde. Wenn er Abends nach Hause kam und sein Türschließ-Ritual ausführte, war er aber auch kaum zu überhören.

Drei Tage nachdem Gerhard bei uns in die Wohnung eingezogen war, traf ich Meike und Thomas aus der Wohnung zwei Stockwerke über uns morgens im Treppenhaus auf dem Weg zum Bus. "Knallt bei euch jemand nachts immer so die Türen?" fragte mich Meike. 

Ich seufzte. "Ja, bei uns ist ein neuer Mitbewohner eingezogen und der hat Zwangsneurosen!"

"Ist das so ein großer Student mit fettigen Haaren und kariertem Hemd, der so ähnlich aussieht wie Gérard Depardieu?"

"Ja", sagte ich etwas verwundert. "Kennst Du ihn?"

"Natürlich kenne ich ihn", lachte Meike. "Den kennt doch jeder an der Uni. Der steht immer im Foyer und labert jeden an, der nicht schnell genug weg läuft."

"Der ist mir echt noch nie aufgefallen," gestand ich. "Soweit ich weiß kannten meine Mitbewohner Gerhard aber auch noch nicht, sonst hätten wir den kaum in unsere Wohnung ziehen lassen."

"Da habt ihr euch ja einen Vogel eingefangen." meinte Meike, als wir zur Haustür hinaus liefen. "Der wurde schon durch einige Wohnungen weiter gereicht. Schon komisch, dass Du noch nichts von ihm gehört hattest."

Dann bogen Thomas und sie in Richtung Bushaltestelle ab, während ich zu meinem Fahrrad lief. Ich musste mich unbedingt mal in meinem Bekanntenkreis umhören, ob die Gerhard auch alle kannten, oder ob er doch nicht so bekannt ist, wie Meike gesagt hat.

Schon nach wenigen Nachfragen bei meinen Freunden stellte ich fest, dass Gerhard tatsächlich vielen bekannt war.

"Ach ja, der. Klar kenne ich den! Der steht doch immer im Foyer und zählt das Kleingeld in seiner Brusttasche." meinte eine Kommilitonin von mir.

"Ist das nicht der Typ, der in der Mensa immer die Tische wechselt, sobald man sich in dessen Nähe setzt?" steuerte eine andere bei.

"Das ist doch der, der so streng riecht, oder?"

"Er ist Zwangsneurotiker?," meinte eine Mitstudentin. "Dass mit dem was nicht in Ordnung ist, hatte ich mir schon gedacht."

Gegen Ende des Nachmittags hatte ich das Gefühl, dass Gerhard Uniweit bekannt war, nur nicht bei meinen Mitbewohnern und mir. Wie konnte uns ein derart bunter Hund bisher entgangen sein?

Am Abend traf ich Caroline in der Küche bei uns in der WG. "Hi Caro. Ich habe mich heute mal bei meinen Kommilitonen nach unserem neuen Mitbewohner umgehört und anscheinend kennt jeder Gerhard nur wir nicht. Ist das nicht komisch?"

"Das ist aber witzig," erwiderte Caroline. "Ich habe Gerhard heute vor der Mensa stehen sehen und dann fiel mir ein, dass ich ihn da schon öfter stehen gesehen hatte. Er kam mir gleich so bekannt vor, als er sich bei uns vorgestellt hatte, aber ich wußte einfach nicht mehr woher. Jetzt ist es mir wieder eingefallen!"

"Hm, die Erkenntnis kommt ein bisschen spät. Das hätte Dir mal bei seinem Vorstellungsgespräch in unserer Wohnung einfallen sollen!"

Caroline zuckte mit den Schultern. "Dir war er vorher nicht bekannt?"

"Es mag unglaublich klingen, aber mir ist er vorher nie aufgefallen!" erwiderte ich. "Dafür habe ich ihn heute alleine gleich fünf Mal getroffen. Aber jetzt kenne ich ihn auch..."

"Mach Dir nichts draus. Du bist ja auch ein Mann. Von allen Studentinnen an der Uni hat Gerhard sicher jede schon einmal angesprochen. Zu männlichen Studenten ist er weitaus weniger kommunikativ."

"Das erklärt es vielleicht.", meinte ich. "Bin ich froh, dass ich nicht eine Studentin bin, die in derselben Wohnung wie Gerhard wohnt!"

"Haha, sehr lustig" erwiderte Caroline.