Donnerstag, 21. Mai 2009

Kein Verkehr bitte, wir sind grün

Konstanz hat zwei große Probleme: zu viel Verkehr und zu wenig Platz für neue Straßen und Parkplätze.

Als ich in meiner Altbau-WG an der „Unteren Laube“ wohnte gab es den neuen Hauptzoll an der Europastraße noch nicht und der ganze Transitverkehr in die Schweiz musste noch über die Laube zum Hauptzoll an der Kreuzlinger Straße fahren. Das heißt von Fahren konnte nicht die Rede sein, Stehen oder bestenfalls Rollen konnten die Lastwagen, denn jeden Morgen – außer Sonntags – stauten sich die Zugmaschinen mit ihrer Ladung die ganze Laube runter mitunter bis auf die alte Rheinbrücke hinaus.

So begannen meine Morgen nicht mit dem Klingeln des Weckers sondern in der Regel mit Hupkonzerten der von den Lastwagen blockierten Autofahrer oder mitunter auch mit dem ein oder anderen Streit...

„Du Arsch, fahr mit endlich aus dem Weg! Ich komme hier nicht durch“

„Siehst Du nicht, dass es hier nicht weiter geht. Soll ich mir Flügel wachsen lassen und davon fliegen?“

„Du musst ja auch nicht gerade mitten auf der Kreuzung stehen bleiben!“

„Ja klar. Ich entschuldige mich bei Ihnen im Namen aller Lastwagenfahrer, die nach Italien fahren, um für Dich Gemüse und Käse zu holen. Entschuldige vielmals.“

„Lass mich endlich passieren Du Idiot“

„Fahr halt Außen herum, Du Witzbold!“

Zum letzten Ausspruch muss man wissen, dass das Paradies, wie der Stadtteil zur einen Seite der Laube hieß, aus einem Netz von lauter Einbahnstraßen besteht und dass Außen herum fahren von manchen Straßen aus überhaupt nicht möglich ist, da alle einmündenden Straßen Einbahnstraßen in die falsche Richtung oder für Autos komplett gesperrt sind.

Ich brauchte gar keinen Radiowecker zum Aufwachen, der Lärm von der Straße war besser als jeder Wecker.

Seit einigen Jahren gehören diese allmorgentlichen LKW-Staus auf der Laube der Vergangenheit an, denn die Lastwagen-Schlagen kriechen nun über die Schänzlebrücke zum neuen Hauptzoll an der Europastraße. Das Konstanzer Verkehrsproblem ist damit jedoch nicht gelöst. Neben dem Verkehr in die Schweiz, gibt es auch noch den Verkehr, der aus der Schweiz nach Deutschland kommt. Und dieser lässt sich nicht über die Europastraße umleiten, denn dieser Verkehr will in die Konstanzer Innenstadt hinein und nicht um die Stadt herum geleitet werden.

Für die Schweizer ist Deutschland das was Polen für die Deutschen ist: ein großer, billiger Supermarkt – zu allem Überfluss können sich die Schweizer auch noch die Mehrwertsteuer zurückzahlen lassen.

Darüber hinaus bietet Kreuzlingen, das Schweizer Spiegelbild von Konstanz, nur wenig attraktive Einkaufsmöglichkeiten. Neben den beiden Migros und dem Zigarren und Schokoladenhändler Urs Portman gibt es in Kreuzlingen praktisch nur Billigläden und Geschäfte die sogenannte „Occasionen“ (gebrauchte Ware) anbieten. Darüber hinaus ist da noch das Karussell, eine kleine Mall, in der ich zwei oder dreimal war und in der mich jedes Mal gelangweilte Angestellte aus ihren leeren Geschäften mit flehenden Blicken anstarrten, damit ich sie aus ihrer Lethargie reißen würde. Aber irgendwie hatten mir diese Geschäfte nichts zu bieten und so wie es aussah auch den Schweizer Einkäufern nicht.

Für die Schweizer Geschäfte ist es aber auch ein fast unmögliches Unterfangen mit den Deutschen Geschäften zu konkurrieren, die aufgrund von Währungsunterschieden und der zusätzlichen Möglichkeit, die 19% Mehrwertsteuer ausbezahlt zu bekommen, locker 30 bis 40 Prozent billiger sind als ihre Schweizer Pendants. Im Gegenzug dazu konnten Schweizer Tankstellen sich an der Deutschen Kundschaft eine goldene Nase verdienen – das ist dann wohl ausgleichende Gerechtigkeit.
Und so sprudeln jeden Morgen die Schweizer über den Emmishofer oder den Kreuzlinger Zoll nach Deutschland auf Mission für die günstigen Preise.

Der Bau des Lago Centers, eines großen Einkaufszentrums in „Klein Venedig“ am See, hat die Situation noch schlimmer gemacht, als sie sowieso schon war. Und das von den Grünen regierte Rathaus hat den Bauherren des Lago Centers untersagt, die geplante Tiefgarage mit über 2000 Parkplätzen zu bauen, mit der Begründung, dass man die vielen Autos nicht in der Stadt haben wolle und die Einkäufer lieber die Park&Ride Möglichkeiten und den Regionalzug „Seehas“ nutzen sollen.

Stattdessen durfte das Lago Center nur mit 710 Parkplätzen gebaut werden, was zur Folge hatte, dass sich nun jeden Morgen ab 9:30 Uhr eine Blechlawine von den Schweizer Zollübergängen zum Parkdeck des Lago Centers zieht. Während der Fahrer (oder die Fahrerin) mit laufenden Motor auf der Bodanstraße steht und auf einen frei werdenden Stellplatz im Lago Center Parkhaus wartet, machen die anderen Autoinsassen schon mal die erste Shoppingtour durch das Einkaufszentrum – praktischer Umweltschutz sieht anders aus.

Warum es den Grünen nicht in den Kopf geht, dass sie die Menschen nicht ändern können und die Einkäufer am liebsten mit dem Auto bis vor die Eingangstür ihres Lieblingsgeschäfts fahren möchten, wird mir ewig schleierhaft bleiben. Park&Ride ist eine nette Idee, aber absolut weltfremd – vor allem, wenn die Autofahrer aus einem Land kommen, in dem der Sprit immer noch unter einem Euro pro Liter kostet.

Anstelle (erwartungsgemäß) ohne Erfolg zu versuchen, die Schweizer Einkäufer mit zu wenigen Parkplätzen zu zwingen, nicht mit dem Auto nach Konstanz zu kommen, wäre es meiner Meinung nach viel sinnvoller, den Einkaufszentren zu erlauben große Parkplätze an ihre Verkaufsflächen zu bauen, damit die Leute schnell einen Parkplatz finden und ihr Auto abstellen anstatt stundenlang mit laufendem Motor in der Konstanzer Innenstadt stehen und die Luft verpesten. Wäre das nicht eine viel umweltfreundlichere Lösung?

Nicht so für die Grünen: Einem neu geplanten Einkaufszentrum auf dem Areal der ehemaligen Kreissparkasse in der Bodanstraße wurde ebenfalls untersagt, viele Tiefgaragenstellplätze zu bauen – man wolle den Verkehr nicht in Konstanz haben, wurde als Begründung genannt. Als wären die allmorgentlichen Staus zum Lago Center nicht schon mehr als genug Verkehr für die kleine Konstanzer Innenstadt.

Aber wenn man sich nur lange genug die Augen zu hält, dann löst sich der Verkehr vielleicht in Luft auf und alle Schweizer laufen zu Fuß zum Einkaufen nach Konstanz...