Der zwangsneurotische Gerhard war der mit Abstand seltsamste Mitbewohner, mit dem ich mich während meiner WG Zeit auseinander setzen musste. Das Studentenwerk hatte ihn uns in die Wohnung gesetzt und weigerte sich, ihn wieder raus zu nehmen, als wir bemerkten, was für ein Kuckucksei uns da in die Wohnung gelegt wurde.
Im Psychologiestudium hatte ich gelernt, dass es Zwangsneurotikern oft peinlich ist, dass sie diese unkontrollierbaren Zwänge haben und sie sich dafür schämen und nicht oft aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückziehen.
Gerhard war in dieser Hinsicht völlig anders. Er erzählte oft und gerne über seine Zwänge und schilderte jedem, dem nicht schnell genug eine gute Entschuldigung zum Weglaufen einfiel, wie schlimm das für ihn wäre und wie sehr er unter den Zwängen leiden würde.
Tatsächlich kam er aber ganz anders rüber. Sicher, er hatte es nicht leicht mit seinen Zwängen, aber er wirkte trotzdem so, als hätte er seinen Frieden mit seiner Krankheit geschlossen, ja, als hätte er sogar angefangen sich als etwas besonderes zu fühlen, weil er anders war als die anderen. Manchmal hatte ich das Gefühl als würde er mit seinen Zwängen regelrecht hausieren gehen, um zu versuchen so das Verständnis und die Zuneigung von anderen zu gewinnen.
Er wirkte, als würde er sich durch seine Zwänge definieren: ich habe Neurosen, also bin ich ... jemand.
Er entwickelte sogar ständig neue Neurosen zu seinen Standard-Zwängen - Waschzwang, Kontrollzwang (Türen und Fenster verschließen), Berührzwang (nicht angefasst werden wollen) und Zählzwang (oft stand er an der Uni und zählte das Kleingeld in seiner Hemdtasche. So beobachtete ich vom Foyer der Uni aus mal, wie er die zweigeteilte Treppe in den A-Bereich auf der einen Seite runter ging, die andere Seite wieder hoch kam, dann auf dieser Seite runter ging und auf der einen Seite wieder hoch kam. Als ihm dabei ein Student in den Weg lief brüllte er ihn gleich an „Geh weg! Fass mich nicht an!“
Offenbar war das eine Art von Ordnungszwang, dass er alle Seiten einer Treppe einmal hoch oder runter gelaufen sein muss, bevor er weiter gehen kann.
Ein anderes Mal traf ich Caroline in der Küche beim Einräumen ihres Einkaufs in ihr Schrankabteil. Als sie mich reinkommen sah meinte sie: „Weißt Du was mir gerade passiert ist? Ich habe Gerhard in der Stadt gesehen.“
„Echt, was macht der um diese Tageszeit in der Stadt? Eigentlich ist er doch jetzt immer noch an der Uni in der Bib.“
„Ich war gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle Bürgerbüro, als ich ihn auf dem Gehweg entdeckte. Er stand wie versteinert vor einem Hundehaufen, der vor ihm auf dem Gehweg lag. Als ich ihn fragte, was los ist, meinte er, dass er nicht weiter laufen könne, weil er Angst habe, dass er in den Hundehaufen treten könnte.“
„Echt? Das ist ja abstrus! Wie lange stand er da denn schon?“
„Er meinte, dass er eigentlich den Bus um kurz nach 9 nehmen wollte. Als ich ihn traf war es bereits halb elf.“, erwiderte Caroline. „Ich nahm ihn an die Hand und wir liefen gemeinsam zur Bushaltestelle. Der arme Kerl!“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Was dem immer für Sachen einfallen. Stell Dir mal vor, das wäre ihm auf einem Zebrastreifen oder bei einer Fußgängerampel passiert. Der hätte ja den ganzen Verkehr aufgehalten.“
Nachdem einige Wochen später Caroline ausgezogen war, um mit ihrer besten Freundin zusammen zu ziehen, bekamen wir die VWL-Erstsemester Studentin Simone als Nachmieterin. Als sich Simone vorgestellt hatte, war Gerhard noch nicht bei uns eingezogen und sie hatte keine Gelegenheit gehabt, sich vorher ein Bild davon zu machen, auf was sie sich einließ.
So wurde sie bei ihrem Einzug in unsere Wohnung unsanft ins kalte Wasser gestoßen: Gerhard stand in seiner schmutzigen Unterwäsche und seinen Bergstiefeln in der offenen Zimmertür als Simone mit ihren Eltern ihre Möbel und Klamotten in die Wohnung trugen.
Ich höre Simones Mutter zu ihr Flüstern „Auf was hast Du Dich da nur eingelassen?“
Zugegeben, je länger Gerhard bei uns wohnte und je aussichtsloser unser Bestreben, ihn wieder loszuwerden aussah, umso, hm, sagen wir mal experimenteller wurde unser Umgang mit Gerhard. Nadine und ich studierten beide Psychologie und hatten gelernt, dass Desensibilisierung eine bewährte Methode gegen Zwänge und andere Neurosen war.
Daher ging ich oft tagsüber mit zugehaltener Nase in sein Zimmer und öffnete das Fenster, um unsere Wohnung wenigstens für ein paar Stunden von seinem Geruch zu befreien. Fast jeden Abend hörte ich ihn in seinem Zimmer fluchen, wenn er nach Hause gekommen war.
Wenn er mal Post bekam, was selten genug vorkam, legte ich sie ihm immer auf den Boden vor seine Tür. Wenn er Abends nach Hause kam und die Post entdeckte, rief er meistens, wohl wissend, dass ich das hören würde, laut in den Flur hinein: „Georg, leg doch nicht immer meine Post auf den Boden. Du weißt doch genau, dass ich das dann nicht aufheben kann wegen des Fuchsbandwurms!“
Am nächsten Morgen war die Post immer verschwunden – offenbar konnte er sich doch gegen seine Neurosen durchsetzen...
Also Caroline noch bei uns wohnte, wurde sie auch mal Zeuge einer anderen Eigenart von Gerhard. So kam sie mal in mein Zimmer und meinte: „Weißt Du was ich vorhin mitbekommen habe?“
Ich schüttelte den Kopf. „Schieß los. Was?“
„Ich hörte Gerhard in seinem Zimmer laut quatschen und fragte mich zuerst, ob er einen Gast da haben würde. Bisher hatte er noch nie mal jemanden mit in die WG gebracht. Aber dann hörte ich die Worte und merkte, dass er lautstark betete!“
„Echt? Und wozu hat er gebetet?“
„Er wiederholte verschiedene Bitten wie ‚Bitte lieber Gott, mach dass ich nicht meinen Schlüssel verliere’ oder ‚Bitte lass mich nicht mein Busgeld vergessen.’ Er hat diese Bitten sicher zehn oder zwanzig mal wiederholt. Seine Tür stand einen Spalt weit offen und ich konnte sehen, dass in Unterwäsche vor dem Bett kniete und gegen die Wand betete. Das sah schon sehr seltsam aus.“
Ich hatte nicht gedacht, dass Gerhard gläubig ist. Was ich oft selbst erlebt hatte und auch über ihn gehört hatte war, dass er sehr leicht reizbar war und es so mit der jüngeren Deutschen Geschichte nicht ganz so genau nahm...
So hörte ich mal von einem Kommilitonen, dass er Gerhard mal im Bus gesehen, oder vielmehr gehört hätte. Gerhard konnte aufgrund irgendeines seltsamen Zwanges kein Semesterticket für den Bus kaufen, sondern musste jede Fahrt immer einzeln zahlen.
Einmal hatte er gerade seine Fahrkarte gekauft, als der Busfahrer schon anfuhr. Gerhard war wohl so überrumpelt vom Anfahrend des Busses, dass ihm sein Ticket aus der Hand auf den Boden fiel. Darüber wurde er so sauer, dass er den Busfahrer anschrie: „Wenn ich ein MG hätte würde ich Dich erschießen, Du Nazi-Sau!“
Der Busfahrer war wohl intelligent genug, nicht auf diese Provokation zu antworten und ließ Gerhard rumschreien. Bei den Konstanzer Stadtwerken war Gerhard sicher schon bekannt wie ein bunter Hund...
Andererseits glaubte Gerhard auch an den Teufel, wie ich durch meinen Nachbarn mal erfuhr. Marius, ein Sportstudent aus der Nachbar-WG, war ein großer Heavy Metal Fan und trug oft T-Shirts von Iron Maiden, auf denen meist irgendwelche Zombies oder Totenköpfe abgebildet waren.
Als Marius hörte, dass ein Zwangneurotiker namens Gerhard bei uns in die Wohnung eingezogen war, meinte er: „Ist das der Typ, der an der Uni immer vor mir davon läuft, weil er glaubt, dass ich der Antichrist bin?“
„Wieso der Antichrist?“, fragte ich.
„Wenn ich meine Iron Maiden T-Shirts trage, läuft er immer vor mir weg. Wahrscheinlich hat er Angst vor den Motiven auf den T-Shirts. Das ist echt immer total lustig! Ich habe noch nie einen erwachsenen Mann so schnell rennen sehen.“
Ich brauche wohl nicht zu schreiben, dass Marius seit diesem Gespräch öfter mal zu uns auf ein Bier eingeladen wurde...
An einem Sonntagnachmittag kam ich von einem Heimaturlaub mit Manuela in meine WG zurück und bemerkte sofort die neue Duftnote, die sich in der Wohnung ausgebreitet hatte.
Just in diesem Moment ging die Küchentür auf und Gerhard und eine zweite Person kamen aus der Küche heraus. Gerhards Begleiter trug mitten im Hochsommer Stiefel, eine ausgetragene Jeans und einen schmutzigen Parka, den er bis zum Hals zugezogen hatte. Er hatte fettige lange Haare und lächelte mich unsicher an. Gerhard zeigte auf seinen Freund und meinte: „Das ist Ralf, er hat Angst vor Zugluft, deswegen haben wir alle Fenster zu gemacht!“
Na super, Pest und Cholera auf einmal!
Ich murmelte nur „Hallo“ und quetschte mich mit Manuela im Schlepp eilig an den beiden vorbei in mein Zimmer, um dort erst einmal das Fenster aufzureißen und nach Frischluft zu schnappen.
Nachdem ich wieder zu Atem gekommen war meinte ich zu Manuela: „Jetzt machen wir mit den beiden mal etwas Desensibilisierungstraining.“
Ich ging in den Flur hinaus, riß die Wohnungstür sperrangelweit auf und ging danach in die Küche, in welcher Gerhard und Ralf am Tisch saßen und sich unterhielten und machte dort auch noch das Fenster auf.
Ralf sprang mit einem Schrei auf und flüchtete in Gerhards Zimmer.
„Du bist so gemein“ meckerte Gerhard und folgte dann seinem Gesinnungskollegen.
„Wasch Dich mal wieder“, rief ich ihm hinterher. „Und nimm Ralf und seinen Parka gleich mit unter die Dusche – die hätten’s auch mal wieder nötig!“
Dienstag, 23. Juni 2009
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