Freitag, 6. November 2009

Nur das Original ist echt...

Bei meinem Auslandsjahr in den USA erlebte ich von einigen internationalen und nationalen Feiertagen und Festen den „American Way of celebrating“. Den 4. Juli, den Amerikanischen Nationalfeiertage verpasste ich leider, aber dafür kam ich in den Genuss Halloween im Original zu erleben!

Halloween war für mich ein besonderes Event. Bevor ich in die USA zog hatte ich dieses urtypische Amerikanische Fest schon oft in US Filmen wie zum Beispiel E.T., Kampfstern Galactica oder den Peanuts gesehen und in vielen US Serien gibt es spezielle Halloween Folgen, in denen vieles anders ist als in den sonstigen Folgen.
Auch wenn es wahrscheinlich nur das Amerikanische Pendant unseres Faschings ist, so wollte ich trotzdem gerne mal das Original erleben und „Trick or Treating“ gehen, wie ich das in so vielen Filmen schon gesehen hatte.

In Konstanz war ich im Jahr vor meiner USA Reise auf einer Studenten-Halloween Party. Das war zwar ganz lustig, aber eben nur eine Deutsche Kopie des US Originals.

Deswegen war ich sehr froh, dass ich bereits seit Anfang September in den USA war und so die Möglichkeit hatte, Halloween in seinem Heimatland zu erleben. Das Problem dabei war nur: wie konnte ich Zugang zu einer Halloween Party bekommen?
Nach knapp zwei Monaten kannte ich noch nicht so viele Leute in Stony Brook und ich wollte nicht rumlaufen und darum betteln, dass ich irgendwo eingeladen werde. Zum meinem Glück fragte mich ein deutscher Bekannter von mir, der schon länger in den USA lebte, ob ich zu einem Pumpkin Carving Abend am Tag vor Halloween mitkommen wollte. Das war schon mal ein Anfang!

Der Abend war dann auch sehr Amerikanisch: die Gastgeber hatten ihr Wohnzimmer komplett mit Plastikplanen ausgelegt, auf einem Tisch stand ein Eimer Bowle und was zu Essen, gegessen wurde natürlich von Papptellern mit Plastikbesteck, für die Bowle gab es Plastikbecher. Celia, die Gastgeberin zeigte mir kurz die wichtigsten Räume in der Wohnung und meinte dann, dass man Teller, Besteck und die Becher nach der Benutzung einfach auf dem Boden liegen lassen könnte, da am Ende die Planen aufgerollt werden und komplett in den Müll kommen.
Ebenso konnte man die Samen und Innereien der Kürbisse auch einfach auf den Boden werfen. Kerne oder das Fruchtfleisch wollte Celia offenbar nicht aufbewahren.

John, Celias Freund, hatte bei einer Farm gut 30 Kürbisse in verschiedenen Größen besorgt, so dass jeder der 17 Gäste mindestens einen Kürbis bearbeiten und ein Gesicht rein schneiden konnte.

An diesem Abend merkte ich, dass das Schneiden eines Kürbiskopfs echte Knochenarbeit ist. Darüber hinaus ist es auch gar nicht so leicht, ein richtig gruseliges Gesicht zu schneiden. Wenn man nicht aufpasst hat man am Ende nur einen Kürbis mit einigen Löchern drin. Aber mit ein paar Bechern Bowle kam bei mir am Schluss doch noch ein ansehnliches Gesicht raus – vielleicht lange nicht so ausgefallen, wie die Gesichter, die manch einer der Amerikaner geschnitten hatte, aber die hatten ja auch schon viel mehr Übung als ich.

Am Ende des Abends rollten wir zu viert die Folie auf dem Boden mit allem Geschirr, Besteck, Bechern und den Kürbisresten zusammen und stopften es in eine der drei großen 35 Gallonen (c.a. 132 Liter) Mülltonnen vor dem Haus. So wird in den USA aufgeräumt!
Leider wurde ich beim Pumpkin Carvin Abend nicht auch noch zu einer Halloween Party eingeladen. Celia und John waren auf eine andere Party eingeladen und feierten daher nicht in ihrem eigenen Haus und von den anderen Gästen hatten die meisten auch schon Einladungen oder was anderes am Halloween-Abend vor.

Am nächsten Tag erzählte mir meine Freundin Manuela, dass sie von ihrer Auslandsjahr-Betreuerin zu sich nach Hause eingeladen worden ist, um Halloween mit ihr und ihrer Familie zu verbringen. Sie bot an, ihre Betreuerin zu fragen, ob ich auch mitkommen kann – so kam ich dann doch noch zu einer Einladung am Halloween Abend.

Ob man sich verkleiden musste oder nicht, hatte Manuela jedoch vergessen zu fragen. Da ich aber ein echtes Halloween erleben wollte, besorgte ich mir im Supermarkt ein paar Gesichtsfarben und künstliches Blut und verkleidete mich mal wieder als Zombie.

Manuela wollte sich nicht verkleiden und als uns Anne, ihre Betreuerin, die Tür öffnete musste ich feststellen, dass auch sie sich nicht verkleidet hatte. So langsam kam ich mir etwas doof vor. Immerhin kam Marcy, Anne’s Tochter als Hexe verkleidet die Treppen runter.

Eine richtige Party gab es in Annes Haus auch nicht. Stattdessen gab es ein „typisches“ Halloween Abendessen mit Kürbis und Yams (Süsskartoffeln) und Anne erzählte ihren Gästen, d.h. Manuela, zwei chinesischen Austausch-Studentinnen und mir, was über die Entstehung und Geschichte von Halloween. Dazu gab es alkoholfreie Bowle und Softdrinks – so hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt...

Nach dem Abendessen fragte uns Anne, ob wir mit ihrer Tochter und deren Freundinnen zusammen zum „Trick or Treating“ gehen wollten. Aber auch das verlief anders als ich mir das vorgestellt hatte.

Marcy und ihre Freundinnen liefen in der direkten Nachbarschaft um Annes Haus von Tür zu Tür und klingelten, um ihren Spruch abzulassen und etwas Süsskram zu kassieren. Die Eltern der Kinder liefen in etwas Abstand mit und warteten an der Straße, während die Kinder zu den Häusern hoch gingen. Eine Mutter fuhr sogar mit ihrem SUV im Schritttempo auf der Straße hinterher – irgendwie hatte dieses Fest nichts von der Unbekümmertheit und der Ausgelassenheit die ich so oft im Fernsehen und Kino gesehen hatte. Es wirkte alles eher etwas angespannt und erzwungen.

Nach dem erfolgreichen Beutezug gingen wir wieder zu Annes Haus zurück und Anne fragte uns, ob wir noch was zu trinken haben wollten. Zum Glück waren die beiden Chinesinnen sehr eifrige Studentinnen und wollten nach Hause gehen, damit sie am nächsten Tag wieder früh an die Uni gehen konnten. So schlossen Manuela und ich uns den beiden Studentinnen an und ließen uns von Anne nach Hause fahren.

Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt – ein bisschen mehr Hollywood und ein bisschen weniger harte Realität...

Im nächsten Jahr feierte ich Halloween wieder in einer Deutschen WG.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Sprich mit mir

Meine Mitbewohnerin Tatjana und ihr Freund Hannes waren ein seltsames Paar. Sie war sehr lebenslustig und extrovertiert und ihr Freund war, ehrlich gesagt, ein nasses Hemd. Er hatte angefangen Informationswissenschaften an der Uni zu Studieren, hatte das Studium aber mittendrin abgebrochen, um mit zwei Freunden ein Buch über Internetseiten für Studenten zu schreiben und dann hatten sich die drei mit dem Gewinn des Buchs selbstständig gemacht und eine kleine Internet Klitsche gegründet. Hannes war dort zwar einer der Geschäftsführer, aber gegenüber seinen wesentlich geschäftstüchtigeren Partnern zog er meist den kürzeren und spielte trotz seiner offiziellen Position eher nur die dritte oder vierte Geige.

Auch gegenüber Tatjana gab er ein eher schwaches Bild ab. Tatjana war oft mit Freundinnen unterwegs, ging gerne mal aus und trank auch ab und an mal einen über den Durst. In der WG zählt sie zu den Personen, die bei allen Entscheidungen vorne mit dabei war und auch oft mal mit anpackte, wenn es darum ging etwas umzubauen oder was zu streichen. Sie hatte zwar auch ein Faible für Computer, aber mehr auf der sozialen Schiene als im Bereich der Web-Entwickung. Mit anderen Worten: Tatjana war so ziemlich in allen Belangen das Gegenteil von Hannes.


Wie die beiden zusammen gefunden hatten, hat sie mir nie erzählt, aber irgendws schien Hannes an sich zu haben, dass die beiden schon seit 3 Jahren zusammen waren.

Wie gut die Beziehung zwischen den beiden lief, bekamen wir anderen Mitbewohner oft genug mit, denn Tatjana und ihr Freund stritten oft am Telefon. Zum einen war dann immer das einzige Telefon in unserer Vierer-WG besetzt (das war noch zu Vor-Handy-Zeiten) und zum anderen konnte man durch die papierdünnen Wände der Studentenwerk-Wohnanlage eine Spinne husten hören und natürlich auch jedes gesprochene Wort, mitunter sogar von der Person am anderen Ende der Leitung. 

Hannes hörte man jedoch selten sprechen, was aber vornehmlich daran lag, dass er früher oder später während eines jeden Telefonstreits mit Tatjana einfach aufhörte zu sprechen, während sich seine Freundin weiter in Rage redete.

Oft endeten die Streits damit, dass Tatjana mit dem Telefon in der Hand durch die WG lief und dem erstbesten Mitbewohner, der ihr über den Weg lief, selbiges unter die Nase hielt und außer sich vor Wut rief: „Hier hör mal hin, er sagt überhaupt nichts mehr. Er redet nicht mehr mit mir. Dieser Typ schweigt einfach nur noch. Das glaube ich einfach nicht. Der redet nicht mehr mit mir! Er verteidigt sich nicht noch einmal.“

Ich habe mich ehrlich gesagt manches Mal gefragt, wie sich Hannes am anderen Ende der Leitung wohl fühlte, in dem Wissen, dass seine Freundin ihn gerade vor der versammelten Mitbewohner-Menge bloß stellte.

Er traute sich aber trotzdem noch in unsere WG und übernachtete auch regelmäßig bei Tatjana. Anscheinend störte sich Hannes nicht daran, dass die Mitbewohner jeden Streit in - eigentlich wollte ich Stereoton schreiben aber hier passt wohl eher – Mono miterlebten.

Entgegen all des telefonischen Zanks hielt die Beziehung und einige Monate später zogen Tatjana und Hannes sogar in eine kleine Zweizimmer Wohnung in der Hindenburgstraße zusammen. Ob sich Hannes dort weiterhin schweigend anschreien ließ oder sich auch mal wehrte – oder ob sie die beiden in der gemeinsamen Wohnung vertrugen – weiß ich nicht.

Als ich Tatjana einige Jahre später mal in der Stadt traf, erzählte sie mir, dass sie immer noch mit Hannes zusammen wäre und sie im kommenden Mai heiraten würde. Hannes schien irgendwas an sich zu haben, dass Tatjana toll fand – seine Ausdrucksfähigkeit war es sicher nicht...

Dienstag, 18. August 2009

Treffen der Generationen

Das WG Leben gefiel mir gut: man musste nicht die ganze Miete alleine zahlen, sondern konnte sich die Kosten für Heizung, Allgemeinstrom, Müllentsorgung, Wasser und Telefon/ DSL teilen. Mit etwas Glück brachten neue Mitbewohner Geschirr oder Haushaltsgeräte mit und konnten das ersetzen, was beim Auszug des letzten Mitbewohners mit verschwunden war.

Eigentlich gefiel mir das Leben in einer WG ganz gut. Die Unstimmigkeiten wegen dem Putzplan oder der Müllentsorgung nervten manchmal etwas, aber das war nichts, was ein klärendes Gespräch alle paar Wochen beheben konnte.

Das größere Problem stellte eher der Altersunterschied dar, der sich mit jedem vergangenen Jahr zwischen den neuen Mitbewohnern und mir auf tat. Irgendwann war ich an dem Punkt angelangt an welchem Interessenten für ein frei gewordenes Zimmer 10 oder sogar 12 Jahre jünger waren als ich. Und das war echt eine komische Situation. Die neuen Mitbewohner kamen praktisch aus einer anderen Generation als ich.

Das äußerte sich in verschiedenen Situationen. Oft kamen die neuen Mitbewohner direkt aus dem Elternhaus und hatten noch nie alleine gelebt, geschweige denn mal selbst gespült oder einen Staubsauger bedient. Darüber hinaus waren die meisten echte „Erstis“, die statt an die Uni lieber in den Biergarten gingen und statt zu lernen lieber Party machten.

Nach 10 Jahren als Student und als Mitarbeiter an der Uni hatte ich andere Interessen und Freizeitunterhaltungen entwickelt und war froh, wenn ich Abends mal in Ruhe zu Hause was arbeiten oder für den nächsten Tag vorbereiten konnte. Mit einem Rudel betrunkener und laut lachender 20jähriger in der Küche war das natürlich alles andere als einfach.

Überhaupt hat ein 20jähriger Erstsemsterstudent einen völlig anderen Lebensrhythmus als ein 32jähriger Lehrstuhlmitarbeiter. Sicher, ich verstand mich gut mit den anderen Mitbewohnern und war froh, dass neben den drei Anfang- bis Mittzwanzigjährigen Studenten auch noch die Studentin Iris wohnte, welche nur zwei Jahre jünger als ich war und Verständnis für meine Probleme mit den „Jugendlichen“ in unserer Wohnung hatte.

Oft saßen Iris und ich abends in der Küche, schauten eine Fernsehserie auf dem Laptop oder unterhielten uns und hörten zu, wie die Partygänger aus unserer WG nach und nach von ihrem letzten Feldzug durch die Wohnungstür tropften.

Einmal saßen Iris und ich gerade vor einer Folge von der Serie „Desperate Housewives“ als Angelo in die Wohnung kam. Als er an der Küche vorbei kam, blieb er schwankend im Türrahmen stehen, grinste zu Iris und mir in die Küche und sagte: „Hallo, seid ihr auch noch auf? War ’ne geile Uni-Party heute Abend.“

Auf einmal hielt er sich die Hand vor den Mund und verschwand im Klo, welches er kurz darauf lauthals benutzte.

Iris schüttelte den Kopf. „Gestern Gundula, heute Angelo... ist Dir aufgefallen, dass unsere Mitbewohner derzeit oft über der Schüssel hängen?“

„Von Gundula habe ich nichts mitbekommen,“ meinte ich. „Aber lass sie doch. Es ist deren Leben. Wir waren damals doch auch nicht anders...“

Iris erwiderte nichts darauf und wir saßen beide wortlos in der Küche, hörten zu, wie sich Angelo im Bad den Mund ausspülte und ließen die Bedeutung meiner sorglos dahin gesprochenen Worte einsinken.

„Irgendwie komme ich mir manchmal vor, als wären wir die Eltern und Gundula, Angelo und Sebastian wären unsere Kinder.“ sagte ich zu Iris. „Dabei sind sie gerade mal 7 bis 12 Jahre jünger als wir.“

„Vom Gefühl her kommen die drei schon aus einer anderen Generation als wir.“ , pflichtete mir Iris bei. „Zehn Jahre können einen großen Unterschied machen.“

Ich blickte Iris an und sprach die Frage aus, die schon die ganze Zeit latent in der Luft hin: „Hast Du auch manchmal das Gefühl, dass wir langsam zu alt für das WG Leben werden?“