Mein Zimmer in meiner Altbau-WG war offen gesagt ein zugiges Loch. Das Haus, in dessen 4. Stock wir unsere WG hatten, wurde im 17. Jahrhundert erbaut und wurde seitdem nur unwesentlich renoviert.
Der Sicherungskasten im Flur war alt, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn auf den Sicherungen noch die Swastika eingraviert gewesen wäre. Die Türen und Fenster in unserer Wohnung waren total dünn, unter den Fensterbrettern zog die Luft durch und man konnte durch seine Zimmertür jeden Schritt im Flur hören – und ich möchte nicht wissen, was die Leute im Flur draußen alles an Geräuschen aus meinem Zimmer hören konnten...
Unter den Dielenboden, in der Decke und in den Wänden hausten Mäuse und wenn meine Freundin mal zu Besuch kam, musste ich immer erst einmal auf Spinnenjagd gehen, da sie eine Phobie vor Spinnen hat. Oft hatte ich am Ende der Jagd eine zweistellige Anzahl an Spinnen vor die Tür befördert.
Das Haus hatte dringend eine Renovierung nötig, nur war Herr von Hohenstein, der Besitzer des Hauses, völlig pleite und handwerklich eine echte Niete.
So kam er einmal mit der eigentlich gar nicht so schlechten Idee an, dass er die zerbrochenen Fliesen im kleinen Flur auswechseln wollte. Zuerst wollte er uns schwere, dunkelbraune Fliesen im Flur verlegen, in welchem sowieso schon den ganzen Tag Dämmerlicht war, da der Flur kein Fenster hatte.
Als ich ihm sagte, dass wir keinen Boden wie im Brauhaus haben wollten und er uns gefälligst weiße Fliesen in den Flur legen sollte, holte er aus dem Baumarkt zwei unterschiedliche Arten von weißen Fliesen und legte diese in den Flur, weil er nicht genug von einer Art bekommen konnte – nach drei Tagen war die erste Fliese schon wieder locker...
Das Haus war so alt, dass es keine Fallrohre für Abwasser und die Toilettenspülung gab und so liefen alle Rohre aus unserer Wohnung zum Regenrohr an der Außenwand des Hauses hinaus.
„Ich habe eine Sondergenehmigung von der Stadt“, meinte Herr von Hohenstein dazu, als ich ihn mal fragte, ob das denn so erlaubt sei. „Das Haus steht unter Denkmalschutz, da darf man keine Rohre durch die Wände verlegen.“
Ob das mal so stimmte, war ich mir nicht sicher. Aber diese Regelung hatte zur Folge, dass wir im Winter oft mal heißes Wasser in der Küche oder im Bad 20 Minuten durchlaufen lassen mussten, um das Rohr durchzuspülen, damit es nicht zugefror.
Als meine Mitbewohner und ich mal alle über Weihnachten zwei Wochen lang nicht in der Wohnung waren, war es dann doch passiert und die Regenrinne war zugefroren. Selbst heißes Wasser durchlaufen lassen half nicht mehr. Irgendwann stand das Wasser in der Badewanne und floss gar nicht mehr ab.
Letzten Endes verbrachte Hermann von Hohenstein gut 3 Stunden auf einer Aluleiter an der Hauswand und enteiste die Regenröhre mit einem Lötkolben für Hobby-Elektroniker.
Als ich vom kleinen in eines der größeren Zimmer zog nachdem wir unseren Hausdrachen Diana los geworden waren, wollte Hermann das Zimmer noch renovieren und einen neuen Boden reinlegen.
So bestellte er mich mal zu sich in die Wohnung, um mit mir die Miete abzusprechen und mir seine Vorstellungen für die Renovierung zu unterbreiten. Kurz nachdem ich an seiner Wohnungstür geklingelt hatte, machte er mir auf und führte mich in sein „Arbeitszimmer“, einem kleinen circa 12 Quadratmeter großen Raum, welcher bis unter die Decke mit Regalen voll gestellt war, in welchen sich Bücher, Elektronikzeitschriften, Kisten mit Dioden, Transistoren, Kabeln, LEDs, etc. stapelten. Auf dem einzigen Tisch im Raum stand zwischen weiteren Zeitschriftenstapeln und Ablagen-Türmen ein alter 14“ Monitor von IBM. Unter dem Tisch stand der passende, mindestens 10 Jahre alte 486’er Rechner auf dem unter Garantie noch Windows 3.11 lief.
Herr von Hohenstein ließ sich in einen vergammelten Bürostuhl fallen und bedeutete mir, mich auf einen hölzernen Klappstuhl zu setzen, auf dem ein dünnes, mit Cord-Stoff bezogenes Kissen lag.
Er kam gleich zur Sache. „Ihr neues Zimmer werde ich vor ihrem Einzug weiß streichen. Frau W. (Daniela der Drache) ist leider ausgezogen, ohne das Zimmer zu streichen.“
„Haben Sie von ihr etwas anderes erwartet?“, warf ich ein. „Hat sie wenigstens ihre letzten Mieten gezahlt?“
Hermann grinste mich an und strich sich über den Schnautzbart. „Das muss ich Ihnen nicht erzählen“, sagte er. Er fuhr sich noch einmal mit Daumen und Zeigefinger über den Schnäutzer und murmelte dann: „Wir haben uns darauf geeinigt, die letzten Mieten mit der Kaution zu verrechnen.“
Ich grinste meinen Vermieter an. Wie ich erwartet hatte, konnte er kein Geheimnis für sich behalten. Darüber hinaus war mir schon klar, dass Diana ihre letzte Miete nicht gezahlt hatte, sie zahlte nie etwas pünktlich.
„Wie dem auch sei. Für Ihren Boden habe ich mir auch schon was überlegt. Wie wäre es, wenn ich Ihnen die beiden Zimmer mit Kokosmatten auslege? Solche wie ich hier im Zimmer auf dem Boden habe.“ Er blickte zu seinen Füßen runter.
Ich ließ kurz meine Augen über den Boden gleiten und meinte dann „Das ist nicht ihr Ernst, oder? So etwas kann man doch nicht in ein Schlaf- und Wohnzimmer legen! Das hier ist ihr Arbeitszimmer, da ist so ein Boden angebracht, aber ich möchte da gerne in Socken oder mit nackten Füßen drüber laufen und will da nicht so einen Kellerboden drin haben.“
Hermann schaute mich verdattert an. „Das ist doch ein schöner Boden“, murmelte er nachdenklich. Er gab aber schnell klein bei. „Ich kann mal beim Wertstoffhof schauen, ob ich noch einen Teppich finde oder ein paar Laminat Platten.“
„Teppich oder Laminat klingt gut“, pflichtete ich ihm bei. „Nur bitte keinen braunen Teppich.“
„Sie haben aber Ansprüche. Nun gut, so sei es.“ Herr von Hohenstein hatte manchmal schon ein paar seltsame Ausdrücke auf Lager. „Bitte gehen Sie jetzt!“
Tatsächlich verlegte mein Vermieter einen Teppich im ersten Zimmer und Laminat in meinem zweiten Zimmer sowie im angrenzenden Zimmer, in welchem Michael wohnte, wenn er nicht gerade im Urlaub war wie im Moment.
Der Laminat war sogar halbwegs ebenerdig verlegt, so dass es kaum Unebenheiten zwischen zwei angrenzenden Platten gab. Der Teppich war eine ganz andere Geschichte. Offenbar hatte Hermann nicht so viel Teppichkleber verwenden wollen und hatte den Teppich nur punktuell auf den Dielenboden geklebt, was dazu führte, dass sich innerhalb weniger Tage Luftblasen und Wellen auf dem Teppichboden bildeten. Darüber hinaus hatte er an den Wänden keine Zierleisten angebracht, so dass man überall sehen konnte, wie schlampig er den Teppich eigentlich zurecht geschnitten hatte und wie oft er Fehler beim Zuschnitt korrigieren musste.
Immerhin hatte ich keine Korkmatten auf dem Boden in meinen Zimmern liegen...
Nach dem Desaster mit der zugefrorenen Regenrinne entschloss sich Herr von Hohenstein, diese suboptimale Lösung durch etwas Besseres und Moderneres zu ersetzen. Mit einem frischen Kredit der Bank in der Tasche ließ Herr von Hohenstein ein isoliertes Abwasserrohr an der Außenseite des Hauses von einem qualifizierten Handwerksbetrieb anbringen – zum Glück hatte er sich diese Arbeit nicht selbst zugetraut, wer weiß, was dabei herausgekommen wäre. Womöglich hätte er es geschafft, das Rohr so anzubringen, dass das Wasser nach oben gelaufen wäre und nicht nach unten.
Dummerweise wurde das Rohr aus bautechnischen Gründen auf eine anderen Hausseite angebracht, so dass zunächst nur die Toilette angeschlossen werden konnte. Die Küche und das Bad mussten ebenfalls auf die andere Seite der Wohnung verlegt werden.
So hatte uns Herr von Hohenstein das vorher nicht erklärt. Mein Mitbewohner Wigald, Isabel und ich stellten ihn zur Rede und fragten ihn, wie er sich das vorstelle.
„Ganz einfach“, grinste Hermann uns an. „Herr P. (Wigald) gibt eines seiner beiden Zimmer ab, ich mache die Tür zu und dann wird da eine kleine Küche mit einer Duschecke eingebaut.“
Den Sturm der Entrüstung, der sich nach dieser Ankündigung über unseren Vermieter hereinbrach, brauche ich hier wohl nicht zu wiederholen. Meine Mitbewohner und ich waren auf jeden Fall mit diesen Plänen nicht zufrieden.
„Und wenn einer duschen will, dann muss er immer die Küche abschließen oder wie haben Sie sich das vorgestellt?“, fragte ich ihn.
„Ich kann ja eine Sperrholzwand einziehen und ein kleines Badezimmer abtrennen.“
„Das Zimmer ist eine Dachschräge mit 18 Quadratmetern Grundfläche und Sie wollen daraus zwei Zimmer machen?“, fragte Wigald entgeistert. „Wo sollen wir denn da einen Esstisch reinstellen oder Regale und Vorratschränke?“
„Jeder kann seine Vorräte doch in seinem Zimmer aufbewahren.“ Herr von Hohenstein hatte heute aber auch wirklich für alles eine Antwort.
„Wir haben doch sowieso schon Mäuse in der Wohnung? Sollen als nächstes dann auch noch Kakerlaken und Ameisen dazu kommen?“
„Jetzt seien Sie doch mal etwas kompromissbereit“, forderte der Vermieter. „Ich habe Ihnen ja noch gar nichts von meinen Plänen berichtet, eine Mauer durch den großen Flur zu ziehen, damit ich ungestörten Zugang zum Dachgeschoss habe. Ich möchte dort auch noch eine Wohneinheit einrichten.“
„Wie, Sie wollen uns nicht nur ein Zimmer wegnehmen, sondern auch noch den Flur halbieren?“, fragte ich entrüstet. „Das kommt nicht in Frage!“
„Ich nehme Ihnen doch gar kein Zimmer weg. Die alte Küche kann stattdessen als neues Schlafzimmer genutzt werden und das Bad wird zu einer Abstellkammer.“
„Eine Abstellkammer mit einer Badewanne drin. Super!“, lästerte Isabel.
„Ich habe mir überlegt, dass ich ein Brett mit Scharnieren auf die Badewanne montieren kann. Dann haben Sie eine schöne Truhe im Zimmer. Das ist doch was Feines.“
Herr von Hohenstein hatte heute wohl einen Innenausstatter zum Frühstück verspeist. Die Diskussion ging noch eine Weile erfolglos weiter. Wir weigerten uns standhaft, diesen Plänen zuzustimmen und am Ende der Debatte kündigte Herr von Hohenstein uns allen zum nächstmöglichen Termin und fing am nächsten Tag eine Linie aus losten Backsteinen durch den Flur zu ziehen.
Eine Zeit lang überlegten wir uns, ob wir ihm den Zutritt zu unserer Wohnung - zur Not auch mit Hilfe eines Anwalts - verbieten lassen sollten, so lange wir dort noch wohnten. Da aber die zweite Isabel drei Wochen über den Auszugstermin hinaus in der Wohnung bleiben wollte, um noch ihr Studium abschließen zu können, hielten wir uns ihr zuliebe zurück und ließen Herrn von Hohenstein gewähren, auch wenn es uns nicht passte, dass er ohne unsere Zustimmung anfing die Wohnung umzubauen.
Manchmal lässt man sich einfach viel zu viel gefallen, nur um den Frieden zu bewahren.
Mittwoch, 15. Juli 2009
Donnerstag, 2. Juli 2009
Depp am Flughafen
Als ich zu meinem zweiten Praktikum an der NYU in den USA reiste, bat mich mein Prof. darum, ihm ein paar Sachen auch Deutschland mitzubringen.
Er war bereits einige Tage vor mir abgeflogen und hatte mir die Nachricht hinterlassen, dass die Sachen in seinem Büro auf dem Tisch lägen. Am Tag vor meiner Abreise ging ich in sein Büro, um die Dinge einzupacken, die ich für ihn mitnehmen wollte - da ich HiWi (wissenschaftliche Hilfskraft) an seinem Lehrstuhl war hatte ich einen Schlüssel zu seinem Büro.
Als ich das Büro betrat traf mich fast der Schlag! Auf dem Tisch standen zwei große Druckerpapier-Kartons voll mit ausgefüllten Fragebögen, drei Kartons mit brandneuen Headsets für PCs, einige Bücher aus der Uni-Bibliothek und eine Kopfstütze aus Metall für wissenschaftliche Experimente, in denen der Kopf des Teilnehmers fixiert werden muss.
Insbesondere letzteres war sehr groß und schlecht zu transportieren. Die Kopfstütze bestand aus einer Bodenplatte aus Metall, auf welche zwei gut 1 Meter lange Stangen angeschraubt waren. Auf halber Höhe war ein Querbalken mit einer Einbuchtung als Kinnauflage montiert, gut 25 cm darüber war eine ergonomisch geformte Stirnhalterung angebracht. Alles in allem sah das Gerät sehr brachial aus, wie ein Folterinstrument der Russischen Armee oder so – und das sollte ich in die USA einführen und dort über den Zoll bekommen. Na toll!
Als ich mich von meinem Schock erholt hatte, ging ich als erstes ins Büro der Sekretärin meines Profs: „Hallo Hendrike, sag mal der Prof hat mich gebeten, ihm ein paar Sachen in die USA mitzubringen. Weißt Du, ob er all das Zeug auf dem Tisch in seinem Büro meint?“
Hendrike drehte sich auf ihrem Stuhl zu mir um. „Soweit ich weiß schon. Warum fragst Du?“
„Ich kann unmöglich all die Kartons mit Papier mitnehmen. Ich darf nur 25 Kilogramm Gepäck in die USA einführen, das Papier alleine wiegt ja bestimmt schon 10 Kilo. Darüber hinaus bekomme ich das gar nicht alles in meinen Koffer.“
„Hm, keine Ahnung wie Du das machen sollst. Er meinte nur, dass er die Unterlagen am Montag braucht.“
„Ich kann das unmöglich mitnehmen“, sagte ich.
„Pass auf, wir rufen ihn mal in den USA an.“ Sie schaute auf die Uhr an ihrem Computer. „In New York sollte es jetzt 10 Uhr früh sein, da müssten wir ihn eigentlich in seinem Büro erreichen können.“
Gesagt, getan. Das Problem war schnell geklärt, wenn ich die Sachen nicht mitnehmen könnte, dann sollten wir sie ihm per Expresspost zuschicken. Er brauche die Unterlagen am Montagmorgen. Die Kopfhörer und die Kopfstütze sollte ich aber selbst mitbringen.
Da die beiden Papierkartons so schwer waren, bot ich Hendike an, dass ich die Kartons zur Hauspost bringen und dort die Formalitäten zum Versand erledigen würde. In der Hauspoststelle angekommen rechnete mir der Postmitarbeiter aus, dass das Porto für die beiden Kartons 154 Euro betragen würde!
Da ich das horrend teuer fand, rief ich bei Hendrike an, um mich zu versichern, dass ich das Paket selbst für diesen Preis verschicken soll. Sie bestätigte mir, dass der Prof. gesagt hat, dass er brauche das Paket am Montag brauchen würde, koste es was es wolle.
Und so schickte ich ihm einen Haufen Papier – in welchen er meiner Erfahrung nach, höchstwahrscheinlich nicht einmal hinein schauen würde – für fast so viel Geld wie 20 HiWi Arbeitsstunden kosten würden...
Den Rest nahm ich mit zu mir nach Hause, auch wenn ich mir noch nicht überlegt hatte, wie ich diese klobige Kopfstütze in meinen Koffer bekommen würde. Zum Glück konnte man die Stütze fast vollständig auseinander nehmen, so dass ich das Gestänge quer in meinen Koffer legen konnte.
Ich hatte meine Rechnung jedoch nicht mit den Sicherheitsdiensten am Flughafen gemacht. Schon beim Abflug in Frankfurt musste ich meinen Koffer öffnen und erklären, was da für ein Gestänge drin liegen würde. Die Deutschen Behörden ließen sich aber recht schnell beschwichtigen und ich durfte meinen Koffer für den Flug abgeben.
Eine Kollegin von mir hatte mir mal erzählt, dass sie einmal ein Brotmesser in ihrem Handgepäck vergessen hatte und am Flughafen dann ziemlich gründlich gefilzt und befragt wurde, bevor man ihr (natürlich ohne das Messer, welches Sie per Post an sich selbst schicken musste) den Abflug erlaubte.
Nach der Landung hätte Wachpersonal bereits am Ausgang vom Flieger gewartet, um sie zu einer privaten Sitzung mit einem Interviewer der Flughafensicherheit abzuholen. Offenbar, so schlussfolgerte die Kollegin, hat ein Mitarbeiter des Abflughafens den Sicherheitsdienst am Ankunfts-Flughafen über ihren Faux-pas unterrichtet.
Ähnliches passierte mir am JFK Flughafen in New York. Bei mir warteten die Sicherheitsbeamten jedoch nicht schon beim Ausgang der Gangway sondern erst am Schalter für die Einreise in die USA. Und die US Beamten waren deutlich gründlicher als ihre Deutschen Kollegen.
Sie ließen mich meinen gesamten Koffer auf einem Tisch bei den Einreise-Schaltern ausräumen, so dass alle anderen Fluggäste meine Klamotten inklusive meiner Unterwäsche sehen konnten. Darüber hinaus sollte ich vor Ort die Funktion des Geräts zeigen, so dass ich gezwungen war die Kopfstütze vor den Augen der Beamten aufzubauen und vorzuführen – zum Glück kannte ich niemanden aus den Schlangen vor den Einreise-Schaltern. So wie dich mich anschauten, hatte ich ihnen gerade eine unvergessliche Vorstellung geliefert.
Da ich auch noch einen Studentenausweis der Universität Konstanz bei mir hatte und die Adresse des Büros der New York University, bei der ich mich am Montagfrüh melden sollte, ließen mich die Beamten aber letzten Endes gewähren. Immerhin war das Flugzeug in einem Teil in New York angekommen und bei all den anderen Waffen, die auf den Straßen der USA unterwegs sind, war mein Kopfstützen-Gestänge nur ein kleines Übel. Darüber hinaus hatte ich auf dem I-54 Formular, das jeder Ausländer im Flugzeug ausfüllen muss, auch nicht angekreuzt, dass ich planen würde, den US Präsidenten umzubringen (diese Frage wird tatsächlich gestellt – als ob da jemals schon mal jemand „ja“ angekreuzt hätte...)
Die Headsets und das Gestänge brachte ich am Montag mit an die Uni. Die beiden Kartons mit Fragebögen kamen erst am Mittwoch an.
„Hättest Du die Fragebögen nicht doch mitbringen können? Du bist doch ein starker junger Mann“ – diese Worte waren der einzige Dank dafür, dass ich mich am Flughafen zum Depp machen durfte. Na Danke!
Er war bereits einige Tage vor mir abgeflogen und hatte mir die Nachricht hinterlassen, dass die Sachen in seinem Büro auf dem Tisch lägen. Am Tag vor meiner Abreise ging ich in sein Büro, um die Dinge einzupacken, die ich für ihn mitnehmen wollte - da ich HiWi (wissenschaftliche Hilfskraft) an seinem Lehrstuhl war hatte ich einen Schlüssel zu seinem Büro.
Als ich das Büro betrat traf mich fast der Schlag! Auf dem Tisch standen zwei große Druckerpapier-Kartons voll mit ausgefüllten Fragebögen, drei Kartons mit brandneuen Headsets für PCs, einige Bücher aus der Uni-Bibliothek und eine Kopfstütze aus Metall für wissenschaftliche Experimente, in denen der Kopf des Teilnehmers fixiert werden muss.
Insbesondere letzteres war sehr groß und schlecht zu transportieren. Die Kopfstütze bestand aus einer Bodenplatte aus Metall, auf welche zwei gut 1 Meter lange Stangen angeschraubt waren. Auf halber Höhe war ein Querbalken mit einer Einbuchtung als Kinnauflage montiert, gut 25 cm darüber war eine ergonomisch geformte Stirnhalterung angebracht. Alles in allem sah das Gerät sehr brachial aus, wie ein Folterinstrument der Russischen Armee oder so – und das sollte ich in die USA einführen und dort über den Zoll bekommen. Na toll!
Als ich mich von meinem Schock erholt hatte, ging ich als erstes ins Büro der Sekretärin meines Profs: „Hallo Hendrike, sag mal der Prof hat mich gebeten, ihm ein paar Sachen in die USA mitzubringen. Weißt Du, ob er all das Zeug auf dem Tisch in seinem Büro meint?“
Hendrike drehte sich auf ihrem Stuhl zu mir um. „Soweit ich weiß schon. Warum fragst Du?“
„Ich kann unmöglich all die Kartons mit Papier mitnehmen. Ich darf nur 25 Kilogramm Gepäck in die USA einführen, das Papier alleine wiegt ja bestimmt schon 10 Kilo. Darüber hinaus bekomme ich das gar nicht alles in meinen Koffer.“
„Hm, keine Ahnung wie Du das machen sollst. Er meinte nur, dass er die Unterlagen am Montag braucht.“
„Ich kann das unmöglich mitnehmen“, sagte ich.
„Pass auf, wir rufen ihn mal in den USA an.“ Sie schaute auf die Uhr an ihrem Computer. „In New York sollte es jetzt 10 Uhr früh sein, da müssten wir ihn eigentlich in seinem Büro erreichen können.“
Gesagt, getan. Das Problem war schnell geklärt, wenn ich die Sachen nicht mitnehmen könnte, dann sollten wir sie ihm per Expresspost zuschicken. Er brauche die Unterlagen am Montagmorgen. Die Kopfhörer und die Kopfstütze sollte ich aber selbst mitbringen.
Da die beiden Papierkartons so schwer waren, bot ich Hendike an, dass ich die Kartons zur Hauspost bringen und dort die Formalitäten zum Versand erledigen würde. In der Hauspoststelle angekommen rechnete mir der Postmitarbeiter aus, dass das Porto für die beiden Kartons 154 Euro betragen würde!
Da ich das horrend teuer fand, rief ich bei Hendrike an, um mich zu versichern, dass ich das Paket selbst für diesen Preis verschicken soll. Sie bestätigte mir, dass der Prof. gesagt hat, dass er brauche das Paket am Montag brauchen würde, koste es was es wolle.
Und so schickte ich ihm einen Haufen Papier – in welchen er meiner Erfahrung nach, höchstwahrscheinlich nicht einmal hinein schauen würde – für fast so viel Geld wie 20 HiWi Arbeitsstunden kosten würden...
Den Rest nahm ich mit zu mir nach Hause, auch wenn ich mir noch nicht überlegt hatte, wie ich diese klobige Kopfstütze in meinen Koffer bekommen würde. Zum Glück konnte man die Stütze fast vollständig auseinander nehmen, so dass ich das Gestänge quer in meinen Koffer legen konnte.
Ich hatte meine Rechnung jedoch nicht mit den Sicherheitsdiensten am Flughafen gemacht. Schon beim Abflug in Frankfurt musste ich meinen Koffer öffnen und erklären, was da für ein Gestänge drin liegen würde. Die Deutschen Behörden ließen sich aber recht schnell beschwichtigen und ich durfte meinen Koffer für den Flug abgeben.
Eine Kollegin von mir hatte mir mal erzählt, dass sie einmal ein Brotmesser in ihrem Handgepäck vergessen hatte und am Flughafen dann ziemlich gründlich gefilzt und befragt wurde, bevor man ihr (natürlich ohne das Messer, welches Sie per Post an sich selbst schicken musste) den Abflug erlaubte.
Nach der Landung hätte Wachpersonal bereits am Ausgang vom Flieger gewartet, um sie zu einer privaten Sitzung mit einem Interviewer der Flughafensicherheit abzuholen. Offenbar, so schlussfolgerte die Kollegin, hat ein Mitarbeiter des Abflughafens den Sicherheitsdienst am Ankunfts-Flughafen über ihren Faux-pas unterrichtet.
Ähnliches passierte mir am JFK Flughafen in New York. Bei mir warteten die Sicherheitsbeamten jedoch nicht schon beim Ausgang der Gangway sondern erst am Schalter für die Einreise in die USA. Und die US Beamten waren deutlich gründlicher als ihre Deutschen Kollegen.
Sie ließen mich meinen gesamten Koffer auf einem Tisch bei den Einreise-Schaltern ausräumen, so dass alle anderen Fluggäste meine Klamotten inklusive meiner Unterwäsche sehen konnten. Darüber hinaus sollte ich vor Ort die Funktion des Geräts zeigen, so dass ich gezwungen war die Kopfstütze vor den Augen der Beamten aufzubauen und vorzuführen – zum Glück kannte ich niemanden aus den Schlangen vor den Einreise-Schaltern. So wie dich mich anschauten, hatte ich ihnen gerade eine unvergessliche Vorstellung geliefert.Da ich auch noch einen Studentenausweis der Universität Konstanz bei mir hatte und die Adresse des Büros der New York University, bei der ich mich am Montagfrüh melden sollte, ließen mich die Beamten aber letzten Endes gewähren. Immerhin war das Flugzeug in einem Teil in New York angekommen und bei all den anderen Waffen, die auf den Straßen der USA unterwegs sind, war mein Kopfstützen-Gestänge nur ein kleines Übel. Darüber hinaus hatte ich auf dem I-54 Formular, das jeder Ausländer im Flugzeug ausfüllen muss, auch nicht angekreuzt, dass ich planen würde, den US Präsidenten umzubringen (diese Frage wird tatsächlich gestellt – als ob da jemals schon mal jemand „ja“ angekreuzt hätte...)
Die Headsets und das Gestänge brachte ich am Montag mit an die Uni. Die beiden Kartons mit Fragebögen kamen erst am Mittwoch an.
„Hättest Du die Fragebögen nicht doch mitbringen können? Du bist doch ein starker junger Mann“ – diese Worte waren der einzige Dank dafür, dass ich mich am Flughafen zum Depp machen durfte. Na Danke!
Dienstag, 23. Juni 2009
Szenen einer „Zwangs“-Ehe
Der zwangsneurotische Gerhard war der mit Abstand seltsamste Mitbewohner, mit dem ich mich während meiner WG Zeit auseinander setzen musste. Das Studentenwerk hatte ihn uns in die Wohnung gesetzt und weigerte sich, ihn wieder raus zu nehmen, als wir bemerkten, was für ein Kuckucksei uns da in die Wohnung gelegt wurde.
Im Psychologiestudium hatte ich gelernt, dass es Zwangsneurotikern oft peinlich ist, dass sie diese unkontrollierbaren Zwänge haben und sie sich dafür schämen und nicht oft aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückziehen.
Gerhard war in dieser Hinsicht völlig anders. Er erzählte oft und gerne über seine Zwänge und schilderte jedem, dem nicht schnell genug eine gute Entschuldigung zum Weglaufen einfiel, wie schlimm das für ihn wäre und wie sehr er unter den Zwängen leiden würde.
Tatsächlich kam er aber ganz anders rüber. Sicher, er hatte es nicht leicht mit seinen Zwängen, aber er wirkte trotzdem so, als hätte er seinen Frieden mit seiner Krankheit geschlossen, ja, als hätte er sogar angefangen sich als etwas besonderes zu fühlen, weil er anders war als die anderen. Manchmal hatte ich das Gefühl als würde er mit seinen Zwängen regelrecht hausieren gehen, um zu versuchen so das Verständnis und die Zuneigung von anderen zu gewinnen.
Er wirkte, als würde er sich durch seine Zwänge definieren: ich habe Neurosen, also bin ich ... jemand.
Er entwickelte sogar ständig neue Neurosen zu seinen Standard-Zwängen - Waschzwang, Kontrollzwang (Türen und Fenster verschließen), Berührzwang (nicht angefasst werden wollen) und Zählzwang (oft stand er an der Uni und zählte das Kleingeld in seiner Hemdtasche. So beobachtete ich vom Foyer der Uni aus mal, wie er die zweigeteilte Treppe in den A-Bereich auf der einen Seite runter ging, die andere Seite wieder hoch kam, dann auf dieser Seite runter ging und auf der einen Seite wieder hoch kam. Als ihm dabei ein Student in den Weg lief brüllte er ihn gleich an „Geh weg! Fass mich nicht an!“
Offenbar war das eine Art von Ordnungszwang, dass er alle Seiten einer Treppe einmal hoch oder runter gelaufen sein muss, bevor er weiter gehen kann.
Ein anderes Mal traf ich Caroline in der Küche beim Einräumen ihres Einkaufs in ihr Schrankabteil. Als sie mich reinkommen sah meinte sie: „Weißt Du was mir gerade passiert ist? Ich habe Gerhard in der Stadt gesehen.“
„Echt, was macht der um diese Tageszeit in der Stadt? Eigentlich ist er doch jetzt immer noch an der Uni in der Bib.“
„Ich war gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle Bürgerbüro, als ich ihn auf dem Gehweg entdeckte. Er stand wie versteinert vor einem Hundehaufen, der vor ihm auf dem Gehweg lag. Als ich ihn fragte, was los ist, meinte er, dass er nicht weiter laufen könne, weil er Angst habe, dass er in den Hundehaufen treten könnte.“
„Echt? Das ist ja abstrus! Wie lange stand er da denn schon?“
„Er meinte, dass er eigentlich den Bus um kurz nach 9 nehmen wollte. Als ich ihn traf war es bereits halb elf.“, erwiderte Caroline. „Ich nahm ihn an die Hand und wir liefen gemeinsam zur Bushaltestelle. Der arme Kerl!“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Was dem immer für Sachen einfallen. Stell Dir mal vor, das wäre ihm auf einem Zebrastreifen oder bei einer Fußgängerampel passiert. Der hätte ja den ganzen Verkehr aufgehalten.“
Nachdem einige Wochen später Caroline ausgezogen war, um mit ihrer besten Freundin zusammen zu ziehen, bekamen wir die VWL-Erstsemester Studentin Simone als Nachmieterin. Als sich Simone vorgestellt hatte, war Gerhard noch nicht bei uns eingezogen und sie hatte keine Gelegenheit gehabt, sich vorher ein Bild davon zu machen, auf was sie sich einließ.
So wurde sie bei ihrem Einzug in unsere Wohnung unsanft ins kalte Wasser gestoßen: Gerhard stand in seiner schmutzigen Unterwäsche und seinen Bergstiefeln in der offenen Zimmertür als Simone mit ihren Eltern ihre Möbel und Klamotten in die Wohnung trugen.
Ich höre Simones Mutter zu ihr Flüstern „Auf was hast Du Dich da nur eingelassen?“
Zugegeben, je länger Gerhard bei uns wohnte und je aussichtsloser unser Bestreben, ihn wieder loszuwerden aussah, umso, hm, sagen wir mal experimenteller wurde unser Umgang mit Gerhard. Nadine und ich studierten beide Psychologie und hatten gelernt, dass Desensibilisierung eine bewährte Methode gegen Zwänge und andere Neurosen war.
Daher ging ich oft tagsüber mit zugehaltener Nase in sein Zimmer und öffnete das Fenster, um unsere Wohnung wenigstens für ein paar Stunden von seinem Geruch zu befreien. Fast jeden Abend hörte ich ihn in seinem Zimmer fluchen, wenn er nach Hause gekommen war.
Wenn er mal Post bekam, was selten genug vorkam, legte ich sie ihm immer auf den Boden vor seine Tür. Wenn er Abends nach Hause kam und die Post entdeckte, rief er meistens, wohl wissend, dass ich das hören würde, laut in den Flur hinein: „Georg, leg doch nicht immer meine Post auf den Boden. Du weißt doch genau, dass ich das dann nicht aufheben kann wegen des Fuchsbandwurms!“
Am nächsten Morgen war die Post immer verschwunden – offenbar konnte er sich doch gegen seine Neurosen durchsetzen...
Also Caroline noch bei uns wohnte, wurde sie auch mal Zeuge einer anderen Eigenart von Gerhard. So kam sie mal in mein Zimmer und meinte: „Weißt Du was ich vorhin mitbekommen habe?“
Ich schüttelte den Kopf. „Schieß los. Was?“
„Ich hörte Gerhard in seinem Zimmer laut quatschen und fragte mich zuerst, ob er einen Gast da haben würde. Bisher hatte er noch nie mal jemanden mit in die WG gebracht. Aber dann hörte ich die Worte und merkte, dass er lautstark betete!“
„Echt? Und wozu hat er gebetet?“
„Er wiederholte verschiedene Bitten wie ‚Bitte lieber Gott, mach dass ich nicht meinen Schlüssel verliere’ oder ‚Bitte lass mich nicht mein Busgeld vergessen.’ Er hat diese Bitten sicher zehn oder zwanzig mal wiederholt. Seine Tür stand einen Spalt weit offen und ich konnte sehen, dass in Unterwäsche vor dem Bett kniete und gegen die Wand betete. Das sah schon sehr seltsam aus.“
Ich hatte nicht gedacht, dass Gerhard gläubig ist. Was ich oft selbst erlebt hatte und auch über ihn gehört hatte war, dass er sehr leicht reizbar war und es so mit der jüngeren Deutschen Geschichte nicht ganz so genau nahm...
So hörte ich mal von einem Kommilitonen, dass er Gerhard mal im Bus gesehen, oder vielmehr gehört hätte. Gerhard konnte aufgrund irgendeines seltsamen Zwanges kein Semesterticket für den Bus kaufen, sondern musste jede Fahrt immer einzeln zahlen.
Einmal hatte er gerade seine Fahrkarte gekauft, als der Busfahrer schon anfuhr. Gerhard war wohl so überrumpelt vom Anfahrend des Busses, dass ihm sein Ticket aus der Hand auf den Boden fiel. Darüber wurde er so sauer, dass er den Busfahrer anschrie: „Wenn ich ein MG hätte würde ich Dich erschießen, Du Nazi-Sau!“
Der Busfahrer war wohl intelligent genug, nicht auf diese Provokation zu antworten und ließ Gerhard rumschreien. Bei den Konstanzer Stadtwerken war Gerhard sicher schon bekannt wie ein bunter Hund...
Andererseits glaubte Gerhard auch an den Teufel, wie ich durch meinen Nachbarn mal erfuhr. Marius, ein Sportstudent aus der Nachbar-WG, war ein großer Heavy Metal Fan und trug oft T-Shirts von Iron Maiden, auf denen meist irgendwelche Zombies oder Totenköpfe abgebildet waren.
Als Marius hörte, dass ein Zwangneurotiker namens Gerhard bei uns in die Wohnung eingezogen war, meinte er: „Ist das der Typ, der an der Uni immer vor mir davon läuft, weil er glaubt, dass ich der Antichrist bin?“
„Wieso der Antichrist?“, fragte ich.
„Wenn ich meine Iron Maiden T-Shirts trage, läuft er immer vor mir weg. Wahrscheinlich hat er Angst vor den Motiven auf den T-Shirts. Das ist echt immer total lustig! Ich habe noch nie einen erwachsenen Mann so schnell rennen sehen.“
Ich brauche wohl nicht zu schreiben, dass Marius seit diesem Gespräch öfter mal zu uns auf ein Bier eingeladen wurde...
An einem Sonntagnachmittag kam ich von einem Heimaturlaub mit Manuela in meine WG zurück und bemerkte sofort die neue Duftnote, die sich in der Wohnung ausgebreitet hatte.
Just in diesem Moment ging die Küchentür auf und Gerhard und eine zweite Person kamen aus der Küche heraus. Gerhards Begleiter trug mitten im Hochsommer Stiefel, eine ausgetragene Jeans und einen schmutzigen Parka, den er bis zum Hals zugezogen hatte. Er hatte fettige lange Haare und lächelte mich unsicher an. Gerhard zeigte auf seinen Freund und meinte: „Das ist Ralf, er hat Angst vor Zugluft, deswegen haben wir alle Fenster zu gemacht!“
Na super, Pest und Cholera auf einmal!
Ich murmelte nur „Hallo“ und quetschte mich mit Manuela im Schlepp eilig an den beiden vorbei in mein Zimmer, um dort erst einmal das Fenster aufzureißen und nach Frischluft zu schnappen.
Nachdem ich wieder zu Atem gekommen war meinte ich zu Manuela: „Jetzt machen wir mit den beiden mal etwas Desensibilisierungstraining.“
Ich ging in den Flur hinaus, riß die Wohnungstür sperrangelweit auf und ging danach in die Küche, in welcher Gerhard und Ralf am Tisch saßen und sich unterhielten und machte dort auch noch das Fenster auf.
Ralf sprang mit einem Schrei auf und flüchtete in Gerhards Zimmer.
„Du bist so gemein“ meckerte Gerhard und folgte dann seinem Gesinnungskollegen.
„Wasch Dich mal wieder“, rief ich ihm hinterher. „Und nimm Ralf und seinen Parka gleich mit unter die Dusche – die hätten’s auch mal wieder nötig!“
Im Psychologiestudium hatte ich gelernt, dass es Zwangsneurotikern oft peinlich ist, dass sie diese unkontrollierbaren Zwänge haben und sie sich dafür schämen und nicht oft aus der Öffentlichkeit weitestgehend zurückziehen.
Gerhard war in dieser Hinsicht völlig anders. Er erzählte oft und gerne über seine Zwänge und schilderte jedem, dem nicht schnell genug eine gute Entschuldigung zum Weglaufen einfiel, wie schlimm das für ihn wäre und wie sehr er unter den Zwängen leiden würde.
Tatsächlich kam er aber ganz anders rüber. Sicher, er hatte es nicht leicht mit seinen Zwängen, aber er wirkte trotzdem so, als hätte er seinen Frieden mit seiner Krankheit geschlossen, ja, als hätte er sogar angefangen sich als etwas besonderes zu fühlen, weil er anders war als die anderen. Manchmal hatte ich das Gefühl als würde er mit seinen Zwängen regelrecht hausieren gehen, um zu versuchen so das Verständnis und die Zuneigung von anderen zu gewinnen.
Er wirkte, als würde er sich durch seine Zwänge definieren: ich habe Neurosen, also bin ich ... jemand.
Er entwickelte sogar ständig neue Neurosen zu seinen Standard-Zwängen - Waschzwang, Kontrollzwang (Türen und Fenster verschließen), Berührzwang (nicht angefasst werden wollen) und Zählzwang (oft stand er an der Uni und zählte das Kleingeld in seiner Hemdtasche. So beobachtete ich vom Foyer der Uni aus mal, wie er die zweigeteilte Treppe in den A-Bereich auf der einen Seite runter ging, die andere Seite wieder hoch kam, dann auf dieser Seite runter ging und auf der einen Seite wieder hoch kam. Als ihm dabei ein Student in den Weg lief brüllte er ihn gleich an „Geh weg! Fass mich nicht an!“
Offenbar war das eine Art von Ordnungszwang, dass er alle Seiten einer Treppe einmal hoch oder runter gelaufen sein muss, bevor er weiter gehen kann.
Ein anderes Mal traf ich Caroline in der Küche beim Einräumen ihres Einkaufs in ihr Schrankabteil. Als sie mich reinkommen sah meinte sie: „Weißt Du was mir gerade passiert ist? Ich habe Gerhard in der Stadt gesehen.“
„Echt, was macht der um diese Tageszeit in der Stadt? Eigentlich ist er doch jetzt immer noch an der Uni in der Bib.“
„Ich war gerade auf dem Weg zur Bushaltestelle Bürgerbüro, als ich ihn auf dem Gehweg entdeckte. Er stand wie versteinert vor einem Hundehaufen, der vor ihm auf dem Gehweg lag. Als ich ihn fragte, was los ist, meinte er, dass er nicht weiter laufen könne, weil er Angst habe, dass er in den Hundehaufen treten könnte.“
„Echt? Das ist ja abstrus! Wie lange stand er da denn schon?“
„Er meinte, dass er eigentlich den Bus um kurz nach 9 nehmen wollte. Als ich ihn traf war es bereits halb elf.“, erwiderte Caroline. „Ich nahm ihn an die Hand und wir liefen gemeinsam zur Bushaltestelle. Der arme Kerl!“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. „Was dem immer für Sachen einfallen. Stell Dir mal vor, das wäre ihm auf einem Zebrastreifen oder bei einer Fußgängerampel passiert. Der hätte ja den ganzen Verkehr aufgehalten.“
Nachdem einige Wochen später Caroline ausgezogen war, um mit ihrer besten Freundin zusammen zu ziehen, bekamen wir die VWL-Erstsemester Studentin Simone als Nachmieterin. Als sich Simone vorgestellt hatte, war Gerhard noch nicht bei uns eingezogen und sie hatte keine Gelegenheit gehabt, sich vorher ein Bild davon zu machen, auf was sie sich einließ.
So wurde sie bei ihrem Einzug in unsere Wohnung unsanft ins kalte Wasser gestoßen: Gerhard stand in seiner schmutzigen Unterwäsche und seinen Bergstiefeln in der offenen Zimmertür als Simone mit ihren Eltern ihre Möbel und Klamotten in die Wohnung trugen.
Ich höre Simones Mutter zu ihr Flüstern „Auf was hast Du Dich da nur eingelassen?“
Zugegeben, je länger Gerhard bei uns wohnte und je aussichtsloser unser Bestreben, ihn wieder loszuwerden aussah, umso, hm, sagen wir mal experimenteller wurde unser Umgang mit Gerhard. Nadine und ich studierten beide Psychologie und hatten gelernt, dass Desensibilisierung eine bewährte Methode gegen Zwänge und andere Neurosen war.
Daher ging ich oft tagsüber mit zugehaltener Nase in sein Zimmer und öffnete das Fenster, um unsere Wohnung wenigstens für ein paar Stunden von seinem Geruch zu befreien. Fast jeden Abend hörte ich ihn in seinem Zimmer fluchen, wenn er nach Hause gekommen war.
Wenn er mal Post bekam, was selten genug vorkam, legte ich sie ihm immer auf den Boden vor seine Tür. Wenn er Abends nach Hause kam und die Post entdeckte, rief er meistens, wohl wissend, dass ich das hören würde, laut in den Flur hinein: „Georg, leg doch nicht immer meine Post auf den Boden. Du weißt doch genau, dass ich das dann nicht aufheben kann wegen des Fuchsbandwurms!“
Am nächsten Morgen war die Post immer verschwunden – offenbar konnte er sich doch gegen seine Neurosen durchsetzen...
Also Caroline noch bei uns wohnte, wurde sie auch mal Zeuge einer anderen Eigenart von Gerhard. So kam sie mal in mein Zimmer und meinte: „Weißt Du was ich vorhin mitbekommen habe?“
Ich schüttelte den Kopf. „Schieß los. Was?“
„Ich hörte Gerhard in seinem Zimmer laut quatschen und fragte mich zuerst, ob er einen Gast da haben würde. Bisher hatte er noch nie mal jemanden mit in die WG gebracht. Aber dann hörte ich die Worte und merkte, dass er lautstark betete!“
„Echt? Und wozu hat er gebetet?“
„Er wiederholte verschiedene Bitten wie ‚Bitte lieber Gott, mach dass ich nicht meinen Schlüssel verliere’ oder ‚Bitte lass mich nicht mein Busgeld vergessen.’ Er hat diese Bitten sicher zehn oder zwanzig mal wiederholt. Seine Tür stand einen Spalt weit offen und ich konnte sehen, dass in Unterwäsche vor dem Bett kniete und gegen die Wand betete. Das sah schon sehr seltsam aus.“
Ich hatte nicht gedacht, dass Gerhard gläubig ist. Was ich oft selbst erlebt hatte und auch über ihn gehört hatte war, dass er sehr leicht reizbar war und es so mit der jüngeren Deutschen Geschichte nicht ganz so genau nahm...
So hörte ich mal von einem Kommilitonen, dass er Gerhard mal im Bus gesehen, oder vielmehr gehört hätte. Gerhard konnte aufgrund irgendeines seltsamen Zwanges kein Semesterticket für den Bus kaufen, sondern musste jede Fahrt immer einzeln zahlen.
Einmal hatte er gerade seine Fahrkarte gekauft, als der Busfahrer schon anfuhr. Gerhard war wohl so überrumpelt vom Anfahrend des Busses, dass ihm sein Ticket aus der Hand auf den Boden fiel. Darüber wurde er so sauer, dass er den Busfahrer anschrie: „Wenn ich ein MG hätte würde ich Dich erschießen, Du Nazi-Sau!“
Der Busfahrer war wohl intelligent genug, nicht auf diese Provokation zu antworten und ließ Gerhard rumschreien. Bei den Konstanzer Stadtwerken war Gerhard sicher schon bekannt wie ein bunter Hund...
Andererseits glaubte Gerhard auch an den Teufel, wie ich durch meinen Nachbarn mal erfuhr. Marius, ein Sportstudent aus der Nachbar-WG, war ein großer Heavy Metal Fan und trug oft T-Shirts von Iron Maiden, auf denen meist irgendwelche Zombies oder Totenköpfe abgebildet waren.
Als Marius hörte, dass ein Zwangneurotiker namens Gerhard bei uns in die Wohnung eingezogen war, meinte er: „Ist das der Typ, der an der Uni immer vor mir davon läuft, weil er glaubt, dass ich der Antichrist bin?“
„Wieso der Antichrist?“, fragte ich.
„Wenn ich meine Iron Maiden T-Shirts trage, läuft er immer vor mir weg. Wahrscheinlich hat er Angst vor den Motiven auf den T-Shirts. Das ist echt immer total lustig! Ich habe noch nie einen erwachsenen Mann so schnell rennen sehen.“
Ich brauche wohl nicht zu schreiben, dass Marius seit diesem Gespräch öfter mal zu uns auf ein Bier eingeladen wurde...
An einem Sonntagnachmittag kam ich von einem Heimaturlaub mit Manuela in meine WG zurück und bemerkte sofort die neue Duftnote, die sich in der Wohnung ausgebreitet hatte.
Just in diesem Moment ging die Küchentür auf und Gerhard und eine zweite Person kamen aus der Küche heraus. Gerhards Begleiter trug mitten im Hochsommer Stiefel, eine ausgetragene Jeans und einen schmutzigen Parka, den er bis zum Hals zugezogen hatte. Er hatte fettige lange Haare und lächelte mich unsicher an. Gerhard zeigte auf seinen Freund und meinte: „Das ist Ralf, er hat Angst vor Zugluft, deswegen haben wir alle Fenster zu gemacht!“
Na super, Pest und Cholera auf einmal!
Ich murmelte nur „Hallo“ und quetschte mich mit Manuela im Schlepp eilig an den beiden vorbei in mein Zimmer, um dort erst einmal das Fenster aufzureißen und nach Frischluft zu schnappen.
Nachdem ich wieder zu Atem gekommen war meinte ich zu Manuela: „Jetzt machen wir mit den beiden mal etwas Desensibilisierungstraining.“
Ich ging in den Flur hinaus, riß die Wohnungstür sperrangelweit auf und ging danach in die Küche, in welcher Gerhard und Ralf am Tisch saßen und sich unterhielten und machte dort auch noch das Fenster auf.
Ralf sprang mit einem Schrei auf und flüchtete in Gerhards Zimmer.
„Du bist so gemein“ meckerte Gerhard und folgte dann seinem Gesinnungskollegen.
„Wasch Dich mal wieder“, rief ich ihm hinterher. „Und nimm Ralf und seinen Parka gleich mit unter die Dusche – die hätten’s auch mal wieder nötig!“
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