Freitag, 30. November 2007

Fertigkuchen backen ist schwer

In meiner Wohnheim-WG luden meine Mitbewohner und ich oft Freunde und Bekannte ein, um mit diesen ein Kaffeekränzchen zu feiern, d.h. Petra, Caroline oder ich backten mindestens einen Kuchen, ein paar Muffins oder Browneys und es gab Tee und Kaffee. Manche der Gäste brachten ebenfalls noch selbst gebackenes oder selbst gekauftes mit und wir hatten einen Nachmittag lang Spaß und Unterhaltung.

Nach Petras Auszug schlief diese Tradition etwas ein und ich versuchte diese regelmäßige Zusammenkunft mit meinen neuen Mitbewohnern wiederzubeleben. Anfangs war ich jedoch der einzige der einen Kuchen backte und meine Mitbewohnerinnen Nadine und Simone waren nur Nutznießerinnen meiner Backlaune.

Also fragte ich die beiden irgendwann, ob sich nicht auch mal was backen wollten. Simone konnte sich gleich für diese Idee begeistern. Nadine war da jedoch etwas skeptischer und meinte, dass sie noch nie was gebacken habe. Aber sie erklärte sich trotzdem bereit, es mal auszuprobieren, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass man eigentlich nur das machen muss was im Rezeptbuch steht.

Ganz so wagemutig zeigte Nadine sich jedoch nicht und wollte sich ihre Hörner als Bäckerin mit einer fertigen Kuchenmischung abstoßen. Gesagt, getan – nun ja, fast.

Es stellte sich heraus, dass Nadine die bisher erste und einzige mir bekannte Person ist, die es geschafft hat aus einer Backmischung, die man eigentlich nur noch mit einer vorgegebenen Menge an Milch oder Wasser anrühren muss, einen Matschekuchen zu backen. D.h. Matschekuchen ist eigentlich noch untertrieben.

Als Nadine den fertig gebackenen Kuchen in der Einweg-Backform auf den Tisch stellte wirkte die Kuchenoberfläche sehr, sagen wir mal, flexibel. Nadine befand aber, dass das wohl so sein müsste und öffnete die Form an der Seite, woraufhin sich der halbflüssige Kuchen auslief und sich innerhalb kürzester Zeit gleichmäßig über unseren Tisch verteilte.

So gab es statt Kuchengabeln eben Löffel - lecker geschmeckt hat es trotzdem.

Bis zu meinem Auszug hat Nadine ihre Backkünste nicht noch einmal an uns ausprobiert...

Mittwoch, 28. November 2007

Die sündige Deborah

Meine Amerikanische Vermieterin Deborah war schon eine eigenartige Type. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie sich durch die Vermietung von drei Zimmern in ihrem Haus. Sie war ständig pleite, weil sie nicht mit Geld umgehen konnte und lieber versuchte ein Psychologie-Studium durchzuziehen anstatt Geld verdienen zu gehen, denn sie hatte in einer Zeitschrift gelesen, dass ein Arbeit- und Organisationspsychologe im ersten Jahr schon 100.000 US$ verdienen würde – und sie war offenbar der Meinung, dass sie auch einen derartigen Job finden könnte, wenn sie das Studium schafft.

Sollte das nicht klappen, hatte sie immer noch einen Plan B: Reich heiraten! Dann würde sie sich gar keine Sorge mehr um das Geld machen müssen...

Gut ein Jahr bevor ich bei ihr einzog, platzte ihr erster Versuch, den Mann ihres Herzens (bzw. ihrer Gläubiger) zu ehelichen. Am Abend vor ihrer Hochzeit kündigte der Ehemann in-spe an, dass er am nächsten Tag nicht kommen würde – immerhin besaß er den Mumm, ihr zu sagen, dass er nicht kommt.

Dieser Mann hatte ihr das Herz gebrochen ... und das Sparschwein. Denn angeblich sei dieser Mann sehr reich gewesen und hätte das Ende ihrer finanziellen Probleme bedeuten können. Zum Geburtstag habe er ihr eine echte Cartier Uhr geschenkt, meinte sie mal ganz stolz zu mir und zeigte mir die Armbanduhr. Leider musste ich sie darauf aufmerksam machen, dass die Uhr nur eine billige Fälschung war, die man für 5 US$ an jeder zweiten Straßenecke in New York City kaufen konnte. Ich selbst hatte mir bei einem derartigen Händler mal eine „echte“ Rolex gekauft, die ich ihr selbstverständlich gleich vorführte. Bei der Einschätzung ihrer künftigen Ehemänner musste Deborah offenbar noch einiges lernen.

Nachdem die Hochzeit geplatzt war, hatte sich Deborah trotzdem an Bord des Kreuzfahrtschiffes begeben, das für die Flitterwochen vorgesehen war. Deborah war kein Kind von Traurigkeit, darüber hinaus war die Kreuzfahrt bereits gezahlt und eine Stornierung kostete viel Geld!

Doch anstatt sich auf der verpatzten Flitterwochenreise die Seele aus dem Leib zu heulen, stürzte sich Deborah gleich wieder in das tobende Leben und mischte sich unter das Volk auf einer Single-Party, die zufälligerweise ebenfalls an Bord statt fande.

Je später der Abend, desto verzweifelter die Männer: auf der Party lernte Deborah einen New Yorker Börsenmakler kennen, der gerade durch einen schmutzigen Scheidungskrieg mit seiner noch-Ehefrau ging und auf der Single Party nach einer schnellen Bettnummer suchte und nicht unbedingt nach einem Ersatz für seine bald geschiedene Frau.

Doch Deborah hatte andere Pläne und so musste Tom, so hieß der Makler, seit dieser Nacht regelmäßig von New York nach Stony Brook auf Long Island pendeln, um seine neue Lebensgefährtin zu besuchen. Dafür durfte er aber auch oft über Nacht bleiben und das, obwohl Deborah nicht müde wurde zu betonen, dass sie in Sünde lebe und sie sich damit sehr unwohl fühle.

Aber Tom steckte noch im Scheidungskrieg mit seiner Frau und damit er ihr auch nicht davon lief, musste Deborah ihn irgendwie bei der Stange halten, auch wenn das hieß, dass sie gegen ihren Glauben handeln müsste. Sie fühlte sich offenbar unwohl dabei, mit einem verheirateten Mann ins Bett zu gehen.

„Wir werden alle mal in der Hölle schmoren“, sagte sie oft zu mir. „Plagt Dich Dein Gewissen denn gar nicht, wenn Deine Freundin Manuela über Nacht bleibt?“

Über die Antwort auf diese Frage musste ich nicht lange nachdenken: „Nein!“

Deborah’s Glaubenskonflikt war aber auch nur vordergründig. Selbst als Toms Scheidung endlich durch war, heirateten die beiden nicht - auch wenn Tom noch regelmäßig zu Gast war oder Deborah ihn in New York besuchte. So weit her konnte das mit der „Höllenangst“ also auch nicht sein.

Auch in anderer Hinsicht vertrat Deborah eigenartige Standpunkte. So erzählte sie mir mal, dass Toms Ehe kaputt gegangen wäre, weil seine Frau, eine erfolgreiche Künstlerin, mehr Geld im Monat verdiente als er. Eine Ehe würde nicht halten, wenn die Frau mehr verdiente als der Mann, meinte Deborah. Das wäre ein zu großer Imageverlust für den Amerikanischen Mann.

Eigentlich hätte sie dann auf der sicheren Seite sein müssen, denn mit der Zimmervermietung nahm sie gerade mal knapp 1200 US$ pro Monat ein. Als Börsenmakler trug Tom sicherlich viel mehr nach Hause als sie. Trotzdem hielt die Beziehung zwischen den beiden nicht allzu lange. Nach einigen Monaten verließ Tom meine Vermieterin wieder und bewies damit, dass auch ein gut verdienender Mann eine weniger gut gestellte Frau verlassen konnte.

Vielleicht hatte Tom kapiert, dass Deborah nur nach einem wohlhabenden Mann suchte, der ihre Schulden zahlt und ihren Lebensabend finanziert?

Inzwischen lebt Deborah mit einem selbstständigen Handwerker zusammen. Er würde alle Schäden im Haus reparieren, so dass sie alle Schäden kostenlos repariert bekäme, erzählte sie mir mal erfreut.

Ihren konstant wachsenden Schuldenberg schiebt sie aber wohl immer noch vor sich her.

Freitag, 23. November 2007

Jack’s verquere Weltansichten

Mein Amerikanischer Mitbewohner Jack war mit seinen 19 Jahren zum ersten Mal im Ausland und dann auch noch in Deutschland. Jack hatte eine typische Amerikanische Highschool-Ausbildung genossen, wusste aber trotzdem, dass in Deutschland nicht mehr die Nationalsozialisten regieren und das 3. Reich lange vergangen war. Trotzdem glänzte Jack oft durch seine kolossalen Wissenslücken und längst überholten Vorurteilen gegenüber bestimmte Personen und -gruppen.

Als wir einmal gemeinsam in der Küche saßen, meinte er zu mir, dass wir Deutschen immer so umweltfreundlich tun würden, aber in Deutschland 220 Volt aus der Steckdose kämen, während in den USA nur 110 Volt raus kommen. Die Amerikaner würden also nur halb so viel verbrauchen wie die Deutschen meinte er.

Ich versuchte Jack zu erklären, dass Volt lediglich die Stärke der Spannung bezeichne, die an einer Leitung anliegt und dass der Verbrauch anhand der Leistungsaufnahme der angeschlossenen Geräte ermittelt wird. Da Elektrotechnik anscheinend nicht in Amerikanischen Highschools gelehrt wird oder Jack dieses Fach abgewählt hatte, sagte er nach meiner Erklärung triumphierend, dass in Amerika also nur die Hälfte der Spannung anliegt und daher der Verbrauch der Geräte nur halb so groß sein muss. Tja, was soll man dazu noch sagen?

Ein anderes Mal verkündete Jack begeistert, dass er Saddam Hussein in Konstanz gesehen habe. Als ich ihn fragte, wo das gewesen sei antwortete er: „Nebenan im türkischen Imbiss!“

Der würde sogar „Husseins Buffet“ heißen, lachte er. Offenbar, so mutmaßte Jack, ist Saddam Hussein als Dönerbräter in Konstanz untergetaucht. Dessen Tarnung sei aber nicht sonderlich gut, befand er. Saddam Hussein macht in der Husseinstraße eine Dönerbude namens „Husseins Buffet“ auf, das sei doch sehr verdächtig.

Tatsächlich gab es eine Dönerbude neben unserem Haus, diese hieß jedoch „Hüsein’s Buffet“ und war gehörte einem Türkischen Geschäftsmann und keinem Irakischen Diktator. Der Geschäftsmann hatte schwarze Haare und trug Vollbart, aber das waren auch die einzigen Gemeinsamkeiten mit dem Despoten.

Darüber hinaus wohnten wir in der Hussenstraße, welche nicht nach dem Iraker Saddam Hussein benannt war, sondern nach dem christlichen Reformer Jan Hus, welcher im 15. Jahrhundert in Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde.

Als ich Jack auf seine falsche Auslegung der Fakten aufmerksam machte, meinte er lachend, dass er das natürlich wisse, er diese Zufälle im Namen und Aussehen jedoch sehr witzig fände.

Bei Jack konnte man sich oft nicht sicher sein, ob er etwas ernst meinte oder nur herumalberte...

Sonntag, 18. November 2007

Der Konstanzer Schokomuffin

Oder der einzig wahre Grund für die Wahl zur Exzellenzuniversität


Meine Alma Mater hat es also geschafft und ist Elite-Uni geworden. Das „Mini-Havard“ am Bodensee (Spiegel, 42/ 2007) wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) mit dem Exzellenzprädikat geadelt. Herzlichen Glückwunsch!

Doch woran lag es, dass ausgerechnet die relativ junge und kleine Uni am Bodensee mit diesem Geldsegen bedacht wurde? Lag es an der Güte der vorgeschlagenen Projekte und interdisziplinären Arbeitsgruppen?

Wohl kaum! Derartige Kooperationen hatten auch alle anderen Unis zu bieten.

Oder lag es daran, dass das Dach im Foyer nach mehreren Ausbesserungen und Reparaturen nun endlich dicht ist? Oder daran, dass die Geländer im Eingangsbereich neu gestrichen wurden, die Zimmergesuche von allen Säulen abgerissen und die Tesastreifen entfernt wurden, dass die Plakatwände der studentischen Hochschulgruppen Schaubildern mit unwichtigen Unistatistiken weichen mussten und der verlotterte und veraltete Übersichtsplan der Uni aus dem Eingangsbereich entfernt wurde?

Ha, bestimmt nicht!

War der Grund vielleicht der, dass der Spielplatz der Uni-Krabbelgruppe vor das Unigebäude verlegt wurde, so dass die Gutachter auf dem Weg zur Uni an den spielenden Kindern vorbei laufen mussten?

Eher unwahrscheinlich!

Nein, der wahre Grund, warum die Gutachter nach ihrem Besuch im Juli der Uni das Prädikat „besonders förderungswürdig“ verliehen haben ist ganz woanders zu suchen: im Campus Café, wo der Konstanzer Schokomuffin unter der Volk gebracht wird!

Ja genau, dieser pechschwarze, zuckersüße, fettige, kalorienreiche, süchtig-machende, klebrige, unverschämt köstliche, von keiner anderen Bäckerei je erreichte Minikuchen hat die Gutachter überzeugt, dass an dieser Uni eine echte Elite ein- und ausgeht!

Nirgendwo sonst habe ich je so einen guten Schokomuffin (der eigentlich ein Doppel-Schokomuffin ist) gegessen wie im Campus Café der Uni Konstanz. Ein Biss in diesen leicht matschig gebackenen Teigklumpen kann augenblicklich süchtig machen und zu schweren Entzugserscheinungen führen, sobald die tägliche Schokomuffin-Dosis verringert wird.

Wenn der Uni-Rektor, Prof. Dr. Dr. h.c. Gerhart von Graevenitz, geschickt war und die Steuermillionen gleich klar machen wollte, dann hat er seine Gutachtergruppe beim Besuch der Uni als erstes in das Campus Café geführt, um sie in diese süße Abhängigkeit zu treiben!

Denn die Gutachter müssen natürlich regelmäßig an die auserwählten Unis zurückkommen, um den Status und die Erfolge der Elitenförderung zu überprüfen. Die Aussicht ein weiteres Mal das orgastische Glücksgefühl zu verspüren, dass der Konstanzer Schokomuffin auslöst ist sicher Ausrede genug, um ein paar läppische Millionen locker zu machen.

Ich sage euch: nicht all das Brimborium um die Verschönerung der Uni und die Qualität der vorgeschlagenen Forschergruppen hat den Geldsegen nach Konstanz geholt. Nein! Einzig und allein der Schokomuffin war es!

Diese geliebte und gleichermassen gehasste, aus der Ferne vermisste, im Campus Café ständig ausverkaufte Teigware hat der Uni die Exzellenzplakette eingebracht und nichts anderes - das könnt ihr mir glauben!

Donnerstag, 15. November 2007

Einreise in die USA - schwer gemacht!

Als ich sehr überstürzt in die USA reiste, um dort mein Praktikum an der Universität von Stony Brook zu beginnen, flog ich mehr oder weniger ins Ungewisse. Meine Freundin Manuela war schon seit zwei Monaten drüben und ich hielt es einfach nicht mehr aus, so lange auf meine Visumsunterlagen zu warten und flog kurz entschlossen rüber und reiste mit einem 90-Tage Touristen Visum ein.

Das war natürlich nicht ganz legal und auch nicht ganz ungefährlich. Ein anderer HiWi (Bezeichnung für eine studentische wissenschaftliche Hilfskraft an einem Lehrstuhl) erzählte mir die Geschichte von einem Bekannten von ihm, der ebenfalls mit einem Touristen Visum zu seinem Praktikum einreisen wollte und welcher bei der Einreise am Flughafen abgewiesen wurde und auf das nächste Flugzeug zurück nach Deutschland gesetzt wurde.

Das hatte mir natürlich Respekt eingeflösst und so hatte ich jede nur erdenkliche Vorkehrung getroffen, die mir einfiel. So hatte ich mir einen Reiseführer besorgt, mir ein Zimmer in einem Hostel in Manhattan reserviert, mir eine Reiseroute zurecht gelegt und mir sogar das Ticken für einen Rückflug vier Wochen später gekauft. Wenn mich jemand bei der Einreise gefragt hätte, was ich hier will und wohin ich zu gehen plante, so hätte ich ihm eine komplette Reiseroute inklusive aller Sehenswürdigkeiten aufzählen können.

Im Flugzeug musste ich noch dieses unsäglich alberne I-94 Formular ausfüllen und darauf unterschreiben, dass ich weder ein Terrorist bin noch den Amerikanischen Präsidenten töten will – als ob ein echter Terrorist mit „Ja“ antworten würde... Trotzdem füllte ich das Formular aus – jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um gegen unsinnige Regeln Sturm zu laufen.

Wenig später stand ich - auf alles vorbereitet - in der Warteschlange vor den Schaltern der Einwanderungsbehörde. Auf das, was nach einer halben Stunde Wartezeit dann passierte, hatte ich mich jedoch nicht vorbereitet.

Der Mann von der Einreisebehörde fragte mich: „Was wollen Sie in den USA?“

Ich antwortete: „Urlaub machen.“

Er erwiderte „Tragen Sie bitte die Adresse Ihrer ersten Unterkunft hier ein.“ Dabei zeigte er auf ein paar freie Zeilen auf einem Papier. Ich trug die Adresse des Hostels ein das ich mir gesucht hatte und schob den Zettel wieder zum Einreisebeamten rüber. Er warf einen kurzen Blick drauf und meinte „Okay, sie können gehen. Willkommen in den USA.“

Ich hatte mit vielem gerechnet, von einem Kurzinterview des Beamten der Einwanderungsbehörde bis hin zu einem Kreuzverhör von zwei fiesen FBI Agenten, die good-cop-bad-cop spielen. An so einer problemlosen Abfertigung hätte ich nicht im Traum gedacht. Also zögerte ich noch einen Moment, in der Erwartung, dass noch mehr kommt. Der Beamte schaute zu mir auf und fragte, ob noch was sei. Ich erwiderte schnell, dass alles okay sei, verabschiedete mich und ging weiter.
Und so betrat ich zum ersten Mal in meinem Leben Amerikanischen Boden!

Nachdem ich mein Gepäck vom Förderband abgeholt hatte ging ich zum Ausgang des Terminals, wo meine Freundin und mein künftiger Mitbewohner Michael auf mich warteten, um mich in den USA willkommen zu heißen!

Samstag, 10. November 2007

Johannes, der Student wider Willen

Nachdem wir meinen zwangsneurotischen Mitbewohner Gerhard glücklich losgeworden waren, zog Johannes, ein Jurastudent im ersten Semester bei uns ein. Johannes war ein recht lustiger Zeitgeselle. Wir spielten oft zusammen mit meiner Playstation oder gingen gemeinsam zu den Uniparties.

Er war schon 23 Jahre alt, als er bei uns einzog, aber ich dachte mir nichts groß dabei. Als alle vier Mitbewohner mal eines Abends bei einem Glas Rotwein in der Küche saßen, kam dann raus, dass Jura nicht Johannes’ erstes Studium ist.

Er hatte vorher schon ein Semester BWL studiert, aber es hat ihm nicht gefallen und so brach er das Studium ab. Ein Weinglas später gab Johannes dann zu, dass er vor seinem BWL Studium schon ein Semester Mathematik an der Universität Frankfurt studiert hatte. Ihm war das Fach jedoch zu trocken und zu theoretisch und so hatte er auch dieses Studium nach einem Semester abgebrochen.

Schlussendlich erzählt Johannes uns auch noch, dass er als erstes schon zwei Semester Agrarwissenschaften an der Uni Göttingen studiert hatte, aber auch das nicht sein Ding gewesen sei.

Seine Eltern hätten ihm nun noch eine letzte Chance gegeben, um ein viertes Studium anzufangen - jedoch unter der Bedingung, dass er es dieses Mal auch wirklich zu Ende führt. So geduldige Eltern sind echt eine Seltenheit!

Johannes war sich sicher, dass er dieses Mal das richtige Studium gefunden habe. Jura mache ihm Spaß und er habe sehr gute Berufsaussichten, meinte er. Tatsächlich hielt er das Jurastudium länger durch als die drei Studiengänge davor.

Erst nach vier Semestern brach er ab, als er feststellte, dass ihm das Fach zu trocken sei und man viel zu viele Gesetzestexte auswendig lernen müsse. Mit der Geduld war es bei seinen Eltern dann auch zu Ende und sie strichen ihm die Finanzierung.

Johannes zog kurz danach aus und fing als Software-Entwickler in der Internet Agentur seines Cousins an, wo er, soweit ich weiß, auch heute noch arbeitet. Vielleicht hätte ihm ein Gang zur Studienberatung dreieinhalb Jahre „rumstudieren“ ersparen können...

Sonntag, 4. November 2007

Späte Liebesbekundung

Die Briefkästen in meiner Innenstadt-WG waren in einem Kasten im Hausflur untergebracht. Da es im Haus drei Wohngemeinschaften mit sehr viel Fluktuation an Mitbewohnern gab, lagen oft Briefe oder Pustwurfsendungen für ehemalige Bewohner des Hauses in einem offenen Fach dieses Kastens.

Normalerweise nahm der Postbote die übrig gebliebene Post nach ein paar Tagen wieder mit, ab und zu landete sie aber auch in unserem Briefkasten. Frau Häfele, eine Bewohnerin, die bereits seit über 40 Jahren im Haus lebte, steckte derartige Briefe oft in die Kästen einer der WGs. Sie begründete das immer damit, dass die „Studände in de WäGääs die Leit doch bestimmt kenne wirda ond wisset wo die na g’zoga sen.“

Naturgemäß traf diese Einschätzung in den seltensten Fällen zu. Aber der guten Frau Häfele konnte man das kaum beibringen. Beim nächsten Mal steckte wieder fremde Post in unserem Briefkasten.

So fand ich einmal eine Postkarte aus der Türkei in unserer Post. Natürlich sah ich auf die Rückseite, um zu sehen, an wen die Karte adressiert war. Doch der türkische Name der Empfängerin sagte mir gar nichts. Diese Frau wohnte weder in unserer WG noch sonst irgendwo in diesem Haus.

Also las ich weiter, weil ich mir dachte, dass das dann eh keinem weh tut. Auf der Karte stand geschrieben:

„Liebste Dilek, erinnerst Du Dich noch an mich? Wir hatten uns 1978 in einer Disco in Konstanz kennen gelernt und die tollste Zeit unseres Lebens miteinander verbracht. Ich habe schon lange nichts mehr von Dir gehört und möchte Dir auf diesem Weg meine Liebe bekunden. Ich liebe Dich über alles! Willst Du mich heiraten? Bitte melde Dich bei mir, ich habe Dich so sehr vermisst. Viele Grüße, Dein Gültekin“

Ich fand das so absurd, dass jemand einer Frau, die er offenbar kaum kannte, seine Liebe nach über 25 Jahren bekundet. Also nahm ich die Karte mit in die WG, um sie meinen Mitbewohnern zu zeigen.

Eine Weile lang hing dieser verzweifelte Liebesbrief noch an unserem Kühlschrank bis sie mal irgendwer weg geworfen hat. Eigentlich hätte ich die Karte gerne behalten, weil sie einfach so unglaublich war.

Ich habe mich immer gefragt, was sich dieser Gültekin von dieser offenbar verzweifelten Aktion versprach.

Eine Zeit lang hatte ich überlegt, ihn anzuschreiben und ihm zu sagen, dass hier seit langem niemand mehr aus der Türkei wohnt und er sich keine Hoffnungen mehr machen zu braucht. Er hatte eine Absenderadresse in Instanbul angegeben, aber irgendwie konnte ich mich doch nie dazu durchringen Gültekin seine Hoffnung zu zerstören...

Ein unerfüllter Traum ist meiner Meinung nach besser als ein geplatzter...