Mittwoch, 28. Mai 2008

Ein unmoralisches Angebot

Während meines Studiums wurde ich zwei Mal von meinem Professor zu Arbeitsaufenthalten an die New York University eingeladen. Er zahlte mir das Flugticket und etwas Geld auf die Hand für Lebenshaltungskosten und ich sollte mich um all den Rest kümmern: sprich Visum, Unterkunft und alle Formalitäten mit der Verwaltung der Uni. Mein Prof. machte es sich eben gerne einfach.

Nach der Ankunft in New York City übernachtete ich die ersten paar Nächte in einem Hostel und suchte mir von dort aus eine andere Bleibe. Entweder klapperte ich dafür die Kleinanzeigen in der VillageVoice, einer kostenlosen Wochenzeitung ab oder ließ mir von den anderen Studenten an der Uni Orte oder Personen empfehlen, bei denen ich mich mal wegen einer Unterkunft melden könnte. So lernte ich Vincent kennen.

Vincent hatte an der Columbia Universität Regie studiert und sich dann als Werbefilmer selbstständig gemacht. Er hatte ein kleines Apartment in einem Haus in der Stuyvesant Town am East River und war bereit mir dort ein Zimmer für die vier Wochen meines Aufenthalts zu vermieten.

Er lud mich zu einer Wohnungsbesichtigung ein und wollte dann alle weiteren Details mit mir besprechen. Das klang doch schon mal nicht schlecht!

Als ich abends aus der Uni kam, ging ich zu der Adresse, die mir Vincent genannt hatte. Für einen Europäer lag Stuyvesant Town in Gehreichweite und ich lief in circa 25 Minuten vom Washington Square Park zu der Straße in der mein Vermieter in-spe wohnte.

Das Apartment war im obersten Stock eines mehrstöckigen Hauses aus rotem Sandstein, welches typisch für diesen Teil von New York City ist. Vincent begrüßte mich an der Tür und führte mich dann in seinem Domizil herum. Die Wohnung war zwar sehr klein, aber da Vincent oft unterwegs war und das Apartment dann leer stand, meinte er, dass es kein Problem sei, wenn ich da für einige Zeit wohnte.

Stolz zeigte er mir auch den Zugang zu einem Balkon auf dem Dach von welchem aus man über Manhattan und den East River blicken konnte. Das war echt eine sehr schöne Wohnung! Die musste sicher ein Vermögen kosten, dachte ich mir.

Und das tat sie auch. Wie viel die Miete tatsächlich kostete, wollte mir Vincent nicht sagen, aber er als er von mir 1400 US$ Miete für das Zimmer pro Monat haben wollte, musste ich schon schwer schlucken. Das sprengte natürlich völlig meinen finanziellen Rahmen und ich sagte ihm sofort, dass ich mir das nicht leisten könne.

Vincent hatte es eilig, da sein Kameramann gleich vorbei kommen wollte, um mit ihm ein paar Szenen für den nächsten Spot zu besprechen. Also meinte er, dass er es gleich los müsse und nicht lange diskutieren wolle. Aber er sei bereit im Preis runter zu gehen: Ich könnte auch für 1000 US$ bei ihm wohnen, sollte dafür aber einmal pro Woche die Wohnung putzen und sein dreckiges Geschirr abspülen wenn er da ist.

Ich antwortete ihm, dass ich gerne eine Nacht darüber schlafen wolle und mich am nächsten Tag bei ihm melden würde. Denn für so viel Geld auch noch die Hausarbeit für ihn machen zu sollen, fand ich nicht wirklich prickelnd.

So ging ich erst einmal in mein Hostel zurück und schlief eine Nacht über diese Idee. Doch mir war schon am Abend klar, dass das nichts für mich ist. Ich rief Vincent trotzdem erst am nächsten Tag an und sagte ihm, dass mir dieses Angebot auch nicht zusagte und ich mir lieber was anderes suchen wollte. Er war nicht sonderlich begeistert von meiner Absage und meinte, dass er dringend einen Mieter gebraucht hätte und ich ihn jetzt einen Tag bei der Mietersuche gekostet hätte.

Daraufhin erklärte ich ihm, dass sein Angebot meiner Meinung nach eine Zumutung sei und ich nicht bereit bin, so viel Geld dafür zu zahlen und dann auch noch seine Putzfrau spielen zu müssen. Daraufhin legte Vincent wortlos den Hörer auf.

Die Studentin, die mir Vincents Nummer gegeben hatte, erzählte mir am nächsten Tag, dass Vincent jetzt sauer auf sie war und dass sie nie wieder jemandem bei der Zimmersuche helfen wollte.

Letzten Endes fand ich über eine Anzeige in der VillageVoice ein nettes Zimmer in Brooklyn für 400 US$. Das war eher meine Preisklasse.

Später erfuhr ich von anderen ausländischen Studenten, dass es in New York City üblich ist, dass die Hauptmieter die komplette Miete auf die Mitbewohner verteilen und selbst bestenfalls die Nebenkosten zahlen. Daher hat mir Vincent vielleicht auch verschwiegen, wie viel Miete er zahlen muss.

Ich hatte mich schon gewundert, dass mein Mietanteil an seiner Wohnung so hoch gewesen wäre. Das Apartment war zwar schon nett, aber hatte nicht so toll oder groß ausgesehen, dass eine Miete von 2800 US$ gerechtfertigt gewesen wäre. Anscheinend war Vincent auch einer dieser Mitbewohner-Abzocker!

So gesehen waren die 400 US$ Miete in Brooklyn eigentlich auch ganz schön teuer...

Dienstag, 20. Mai 2008

Kerttuli’s Hotel

Die letzte WG in der ich gewohnt habe, hatten Heinrich, Manuela und ich selbst gegründet.

Das Apartment in welchem wir die neue WG eröffnen wollten hatte fünf Zimmer, so dass wir also noch zwei weitere Mitbewohner brauchten. Daher schrieben wir die WG-Neugründung an der Uni aus und suchten noch nach weiteren potentiellen Gründungsmitgliedern.

Wir hatten einen Termin zur Wohnungsbegehung und wollten dann mit allen gemeinsam das Apartment besichtigen - und auch die potentiellen Mitbewohner begutachten. Es tauchten zwar 5 Personen auf, aber drei davon fielen gleich mal durch, da diese drei befreundet waren und nur gemeinsam einziehen wollten. Da wir aber nur zwei Zimmer zu vergeben hatten und keiner von uns dreien abspringen wollte schickten wir das Trio wieder weg.

Von den verbliebenen beiden sagte eine Studentin direkt ab, mit der Begründung, dass sie eigentlich nicht noch einmal eine WG neu gründen wolle, da ihr das zu viel Stress und zu teuer sei – warum war sie dann überhaupt gekommen. Die andere meinte, dass sie es sich überlegen wollte und sagte zwei Tage später ebenfalls ab.

So standen wir drei ohne die fehlenden beiden Mitbewohner da. Trotzdem sagten wir dem Hausverwalter zu, dass wir die Wohnung ab Mitte Dezember mieten wollten. Jetzt mussten wir also kurz vor Weihnachten noch zwei neue Mieter auf die Schnelle finden...

In einer Wohnungsbörse im Internet fand ich ein Zimmergesuch von einer finnischen Doktorandin, die ab Januar in Konstanz eine Promotionsstelle hatte und nun von Helsinki aus versuchte, ein Zimmer in Konstanz zu mieten. Da ich selbst schon erlebt hatte, wie schwierig es ist, im Ausland ein WG-Zimmer zu finden ohne selbst dort zu sein, dachte ich mir, dass wir der Finnin eine Chance geben sollten. Meine beiden anderen Mitbewohner waren meiner Meinung und so sagten wir Kerttuli, der Finnin zu, dass sie bei uns wohnen könnte.

Das letzte Zimmer bekamen wir nicht ganz so schnell vermietet. Es schien als hätten so kurz vor Weihnachten alle Leute andere Dinge im Kopf als noch umzuziehen. So war es reines Glück, dass sich wenige Tage vor meiner Abreise in die Weihnachtsferien noch ein Amerikanischer Student bei uns meldete, der dringend ein Zimmer in Konstanz suchte. Manuela und ich standen schon mit den Koffern im Hausflur, als Jack sich bei uns vorstellte. Nach kurzem Gespräch drückten wir ihm die Schlüssel in die Hand, wünschten ihm frohe Weihnachten und fuhren selbst in die Weihnachtsferien.

Wenige Tage nachdem Manuela und ich aus unserem Weihnachtsurlaub zurückgekehrt waren, stand auch schon Kerttuli mit einem Rucksack und zwei Taschen vor unserer Tür. Alles schien perfekt zu laufen.

Kerttuli war eine eher stille und zurück gezogene Person – eben das komplette Gegenteil von Jack. Letzterer war quirlig und extrovertiert. Laufend wollte er was unternehmen oder beschäftigt werden, nervte mich ständig, wann ich endlich das Internet fertig angeschlossen habe und fragte uns Mitbewohnern Löcher in die Bäuche.

Die Finnin sah ich nur sehr selten. Meistens war sie den ganzen Tag an der Uni und kam erst spät abends nach Hause. Dann verschwand sie meist sofort in ihrem Zimmer. Ab und an kochte sie sich irgendwelche Fischgerichte in der Küche. Wenn ich sie mal im Flur traf war selten mehr als ein „Hallo“ aus ihr heraus zu holen – nun ja, wer nicht will, der muss auch nicht.

Leider wollte sie auch noch mehr Dinge nicht tun, wie zum Beispiel bei uns wohnen bleiben. Am Freitagabend in der dritten Januarwoche klingelte es an der Haustür. Kerttuli’s Mann, der ab Februar auch in Konstanz arbeiten würde, stand vor der Tür und wollte zu seiner Frau.

Diese kam auch schon aus ihrem Zimmer gelaufen, mit ihrem Rucksack auf dem Rücken und ihren beiden Taschen in den Händen. Als sie mich sah sagte sie nur „Turkka ist hier um mich abzuholen. Wir haben eine gemeinsame Wohnung gefunden. Ich ziehe aus.“

„Das ist aber eine Überraschung“, meinte ich. „hättest Du das nicht früher sagen können? Jetzt müssen wir wieder einen neuen Mitbewohner finden. Ich fürchte die Miete für den Februar musst Du noch zahlen, so schnell finden wir bestimmt niemanden.“

„Okay“, erwiderte Kerttuli. „Auf Wiedersehen.“ Dann verschwanden die beiden ohne ein weiteres Wort.

Angesichts dieses plötzlichen Auszugs war ich versucht so was in der Art zu sagen wie: „Sie können den Schlüssel an der Rezeption liegen lassen.“ Ich kam mir ehrlich gesagt so vor als würde ich ein Hotel leiten und die Leute würden auf täglicher Basis ein- und ausziehen. Tja, so kann es gehen, wenn man den Leuten entgegen kommt.

Die Miete für den Februar zogen wir Kerttuli von ihrer Kaution ab. Immerhin fanden wir bald einen guten Ersatz für unseren ausländischen Gast: Zum ersten März zog eine FH-Studentin bei uns ein und wohnte zweieinhalb Jahre lang in der WG.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Hermann der Vermieter wider Willen

Meine Altbau-WG lag im 4. Stock eines Gebäudes aus dem 17. Jahrhundert. Das gesamte Haus gehörte Hermann von Hohenstein, welcher den Altbau vor einigen Jahren von seinem verstorbenen Vater geerbt hatte. Herr von Hohenstein war arbeitslos und finanzierte sich und seine polnische Frau ausschließlich über die Einnahmen der drei vermieteten Wohnungen im Haus.

In der Wohnung im Erdgeschoß wohnten seine Frau und er. In einem kleinen Apartment im Stock darüber war seine Mutter untergebracht und ein Einzimmerapartment wurde von seiner Schwester gelegentlich als Ferienwohnung genutzt. Viel konnte Herr von Hohenstein mit den restlichen Wohnungen in seinem Haus also nicht einnehmen. Zu allem Überfluss musste er seinen beiden Geschwistern noch deren Anteil an der Erbschaft bezahlen sowie Erbschafts- und Grundsteuer zahlen.

Oft klagte er über seine finanziellen Probleme, insbesondere dann, wenn er mal wieder in unserer Wohnung auftauchte, um Diana nach der letzten oder den letzten Monatsmieten zu fragen.

Herr von Hohenstein war Vermieter wider Willen, wie er meine Mitbewohner und mich mal wissen ließ. Als sein Vater gestorben war, standen seine beiden Geschwister und er auf einmal vor einem Haus und einem Berg an Erbschaftssteuer. Zuerst wollten sie das Haus verkaufen, doch dann erklärte sich Heinrich bereit, das Gebäude zu übernehmen und den beiden anderen ihren Anteil an der Erbschaft auszuzahlen. Die beiden Probleme an dieser Sache waren jedoch: Herr von Hohenstein hatte nicht genug Geld, um seinen Geschwistern ihren Anteil zu zahlen, also musste er welches verdienen – am Besten durch das Vermieten von Zimmern und Wohnungen im Haus.

Wenn da nicht das andere Problem wäre: Herr von Hohenstein ist sehr menschenscheu - und das ist natürlich keine ideale Eigenschaft für einen Vermieter.

In Gegenwart von anderen Menschen wurde Herr von Hohenstein immer total unruhig und zappelig, wippte auf den Füßen herum und kicherte oft hysterisch, auch wenn niemand etwas Lustiges gesagt hatte. Darüber hinaus wich er ständig zurück, wenn man sich ihm weniger als zwei Meter näherte.

Wenn er sich mit einem seiner Mieter unterhalten musste, entspannte sich meist schon nach kurzer Zeit eine ungelenke Choreographie bei der Heinrich halb redend, halb flüchtend um seinen Gesprächspartner herum tänzelte und verlegen grinste wie ein Teenager beim Sexualkunde-Unterricht. Richtig unterhaltsam wurde es, wenn er sich in einer der WGs mit mehreren Personen gleichzeitig abgeben musste. Wäre er in einer solchen Situation durch eine Spalte im Dielenboden verschwunden und hätte dann von dort aus mit uns weiter geredet, hätte ich mich nur wenig gewundert.

Nach meinem ersten Jahr in dieser WG sah sich Herr von Hohenstein gezwungen, meinen Mitbewohnern und mir die Miete zu erhöhen. Er hatte uns das schon schriftlich mitgeteilt, doch Wigald und ich hatten Protest eingelegt und so war Heinrich gezwungen zu uns in die Wohnung hoch zu kommen, um uns die Gründe für die Mieterhöhung persönlich mitzuteilen.

Als er unsere Wohnung betrat, wirkte Herr von Hohenstein schon leicht bleich im Gesicht. Doch er rang sich ein bemühtes „Guten Morgen“ ab, als er Wigald und mich im Hausflur antraf. Dann baute er sich gut vier Meter von uns beiden entfernt auf, klatschte in die Hände, wippte beherzt auf den Füßen und fing dann an: „Also, meine Herren, wie Sie wissen, muss ich die Miete erhöhen.“

Während dieses Satzes räusperte er sich mindestens drei Mal und kicherte einmal verlegen.

„Sehen Sie, die Grundsteuer ist teurer geworden und auch die Abgaben für Müll und Abwasser.“ Er wich einen weiteren Schritt zurück. „Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Miete zu erhöhen.“ Danach räusperte er sich lautstark.

Wigald ließ sich aber nicht so leicht überzeugen und erwiderte: „Sie wollen jedem von uns die Miete um 30 Euro erhöhen! Das ist eine ganze Menge. Das sind 120 Euro pro Monat. So stark können die Abgaben doch gar nicht angestiegen sein.“

Zur Antwort kicherte Herr von Hohenheim erst einmal und blickte an Wigald vorbei auf die weiße Wand hinter ihm.

„Können Sie uns das mal vorrechnen?“, fragte Wigald und ging einen Schritt auf den Vermieter zu. Herr von Hohenstein machte einen schnellen Ausfallschritt zur Seite und grinste verlegen.

„Ich habe die genauen Zahlen nicht im Kopf“, meinte er. „Ich kann Ihnen das gerne am Computer ausrechnen und Ihnen den Ausdruck geben, wenn Sie das wollen.“

„Sehen Sie, Herr von Hohenstein“, setzte Wigald an. „In der Zeitung habe ich gelesen, dass die Müllgebühren um 3,47 Euro pro Monat und pro Tonne erhöht werden. Das Haus hat vier große Mülltonnen und das bei vier vermieteten Wohnungen und Ihnen und ihrer Frau.“
„Es gibt zwei vierer WGs, Frau Schinkler, ihre Oma und Sie beide, das sind zwölf Personen. Die Müllpreiserhöhung ist knapp 14 Euro im Monat, d.h. pro Person sind das nur wenig mehr als ein Euro im Monat. Wo kommen die restlichen 29 Euro Mieterhöhung her?“, schloss Wigald sein Plädoyer.

Herr von Hohenheim schaute Wigald einige Sekunden lang mit weit aufgerissenen Augen an. Dann kicherte er und klatschte die Hände zusammen. Er mache einen weiteren Ausfallschritt, als wollte er dem Strom von Wigalds Einwänden aus dem Weg gehen.

„Ich kann Ihnen das alles vorrechnen“, versicherte er Wigald. „Aber ich kann ihnen auch etwas entgegen kommen und die Mieterhöhung erst in zwei Monaten vornehmen, dann bekommen Sie vier 180 Euro geschenkt“

„Da haben Sie sich aber verrechnet“, meinte Wigald. „Sie schenken uns dann 240 Euro, nicht 180!“

Herr von Hohenstein runzelte die Stirn und fing dann wieder an zu kichern. „Nicht alle Menschen hatten das Geld um zu studieren, wissen sie? Ich habe dafür andere Qualitäten.“

Mit diesen Worten drehte er eine Pirouette auf dem rechten Fuß und landete zielsicher gut einen Meter weiter von Wigald entfernt wieder mit beiden Füßen auf dem Boden.

„Ich kann nicht umhin, ich muss die Miete erhöhen.“, resümierte der verhinderte Ballett-Tänzer, “Wenn Ihnen das nicht gefällt, dann können Sie sich ja eine andere Wohnung suchen!“

Offensichtlich von seinem eigenen Mut überrascht machte Herr von Hohenstein stehenden Fußes kehrt und lief zur Tür. Bevor Wigald noch mal etwas sagen konnte, blickte Herr von Hohenstein halb zu uns zurück und meinte: „So meine Herren, und jetzt muss ich wieder los. Es gibt viel zu tun im Haus.“

Noch bevor er diese beiden Sätze zu Ende gesprochen hatte, war er bereits durch die Wohnungstür gegangen, und er befand sich bereits auf der Treppe kaum nachdem das letzte Wort über seine Lippen gekommen war.

Wigald blickte mich an und meinte kopfschüttelnd: „Auf die Berechnung der Mieterhöhung bin ich mal gespannt. Bestimmt funktioniert sein Drucker wieder nicht und wir bekommen erst einmal keine Rechnung zu sehen.“

Ich nickte zustimmend und meinte: „Der hat sich ja wieder gewunden wie ein Aal!“

„Da hast Du recht“, kicherte Wigald. „Pass auf, beim nächsten Mal wenn er mal wieder zu uns kommen muss nehmen wir ihn von zwei Seiten in die Zange. Dann bekommen wir ihn bestimmt dazu eine doppelte Pirouette zu machen oder vielleicht sogar einen Salto rückwärts.“

„Das würde ich gerne sehen“, lachte ich.

Donnerstag, 8. Mai 2008

Wiebke und ihre Männer, Teil 5

Wiebkes neuste Beziehung mit einem jungen Mann, den sie auf einer Party in Hamburg kennen gelernt hatte, hielt kaum länger als Wiebkes übliche Beziehungshalbwertszeit. Und das, obwohl sich Wiebke mit ihrem Markus an den ersten paar Wochenenden fast das Ohr blutig telefonierte.

Es schien als hätte Wiebke dieses Mal einen Mann gefunden, der sowohl optisch ihren Ansprüchen genügte als auch intellektuell. Trotzdem kam sie von ihrem ersten Treffen mit Markus in Hamburg als Single zurück.

Lange Zeit ließ Wiebke uns Mitbewohner im Dunkeln über die Gründe ihres jüngsten Partnerschaftsabbruchs. Zwei Tage vor ihrem Auszug aus unserer Wohnung trafen Manuela, Heinrich und ich uns mit Wiebke, um uns über die Details ihres Auszugs und über die Rückzahlung der Kaution zu unterhalten.

Während dieser Unterhaltung kamen wir auch auf das Thema Ex-Freunde zu sprechen und Wiebke erzählte uns schließlich, was in Hamburg passiert war.

„Erinnert ihr euch daran, wie ich euch von der Sylvesterparty in Hamburg erzählt hatte“, fragte uns Wiebke. „Ich hatte da zwei Jungs kennen gelernt. Der eine davon sah total süß aus und wir haben uns den ganzen Abend lang prima unterhalten. Der andere war nicht so mein Typ, eher unscheinbar und etwas pummelig.“

„Am Ende des Abends hat mir der attraktive seine Telefonnummer gegeben damit wir in Kontakt bleiben können“, erklärte sie weiter.
„Nun ja, als ich dann nach Hamburg gefahren bin, um mich mit ihm zu treffen, musste ich am Bahnhof feststellen, dass Markus gar nicht der süße Junge war, sondern dessen pummeliger Freund!“

„Entweder“, überlegte Wiebke laut, „hat mir der attraktive Typ die Telefonnummer seines Freundes gegeben, damit dieser auch mal eine Chance hat, um eine Freundin zu finden. Oder ich war zu betrunken und habe mich mit dem anderen Jungen unterhalten und kann mich nicht mehr richtig daran erinnern.“

Während Wiebke uns dies alles erzählte, musste Heinrich sich die Hand strategisch vor den Mund halten, damit Wiebke nicht sah, dass er sich das Lachen nur schwer verkneifen konnte.

„Als mir dann am Hamburger Bahnhof der pummelige Freund gegenüber stand, bemerkte ich meinen Fehler und auch ihm war schnell klar, dass das nichts werden würde. Also bin ich in den nächsten Zug nach Bremerhaven gestiegen und habe stattdessen meine Eltern besucht“, sagte sie nonchalant. „Und das war es dann auch schon.“

„Aber ihr habt euch am Telefon doch immer so gut unterhalten“, meinte ich. „Es sah so aus als würdet ihr euch sehr gut verstehen. Spielt dann das Aussehen wirklich eine so große Rolle für Dich?“

„Markus war eben nicht mein Typ. Ich möchte einen Freund, der gut aussieht und mindestens genauso groß ist wie ich. Markus ist klein und pummelig. Das ist nicht mein Ding. Ich bin eben ein Frau die sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten legt“, konstatierte sie nüchtern.

In diesem Moment sprang Heinrich auf und meinte mit zusammen gebissenen Zähnen: „Ach da fällt mir ein, dass ich noch einen Freund anrufen wollte!“

Danach flüchtete er eilig in sein Zimmer und machte die Türe zu – wahrscheinlich, damit Wiebke nicht mitbekam, wie schwer es ihm fiel, das Lachen zu unterdrücken.

Ich musste mir aber auch alle Mühe geben, um mein Lachen runter zu schlucken. Ich würde nie im Leben öffentlich zugeben, dass ich auf Äußerlichkeiten stehe, selbst wenn es zuträfe und Wiebke sagte das so nebenbei als würde sie das Wetter kommentieren. Das war einfach zu komisch.

Eigentlich war es schade, dass sie kurz danach ausgezogen ist. Ich hätte ganz gerne noch ein paar neue Folgen der „Wiebke sucht einen Mann“ Soap Opera miterlebt...

Sonntag, 4. Mai 2008

Deborahs polyglotte Katze

Meine Amerikanische Vermieterin Deborah besaß eine alte schwarze Katze namens Labelle. Die Katze war zwangsweise ein ziemlicher Stubentiger, denn Deborah ließ die Katze nicht gerne vor die Türe. Sie hatte Angst, dass der Katze was passieren könnte, aber ich habe ehrlich gesagt immer vermutet, dass sie Angst hatte, Labelle könnte ihr weglaufen. Deborahs Fürsorge für die Katze war sehr wechselhaft. So gab es Tage und Wochen an denen Sie die Katze mit Liebe und Futter (was für Katzen ja sowieso meist dasselbe ist) überschüttete und dann gab es wieder Zeiten, in denen alles andere wichtig war und ich mich um die Katze kümmerte, ihr frisches Wasser hinstellte oder auch mal eine Dose Katzenfutter öffnete.

Wenn Deborah sich mal wieder um ihre Katze kümmerte, dann betrieb sie das genauso überschwänglich, wie all ihre anderen Laster – wie zum Beispiel ihre Vorliebe für Muscheln. Dann unterhielt sich Deborah mit ihrer Katze, machte irgendwelche Schmatzgeräusche mit dem Mund und rief „DinDin“ durch das ganze Haus, um die Katze zum Abendessen zu rufen.

Sie behauptete immer, dass ihre Katze alles verstehen würde, was wir Menschen miteinander sprachen und dass wir aufpassen sollten, was wir in Gegenwart der Katze sagten. Um mir zu zeigen, wie viele Worte die Katze verstehen konnte, sprach sie oft in Katzen-Englisch mit Labelle. Dann sagte sie oft einfache Sätze wie „This is George people“, „George people is good people“, „Cat is good cat“, „Cat understands people“, „Cat wants go outside“ oder sie sagte „Cat likes mouse-people“, wenn sie Labelle vor das Aquarium mit ihren Wüstenmäusen hielt. Zu den Mäusen sprach sie oft auf dieselbe Art und Weise. Mir sagte sie aber mal, dass die Mäuse nicht ganz so viel verstehen würden wie die Katze, da Mäuse ein kleineres Gehirn hätten und sich nicht so viele Worte merken könnten.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass Labelle weniger oder mehr verstand als jede andere Katze auch. Sie war etwas eigensinnig, kam oder kam nicht, wenn man sie rief und lag ansonsten viel auf dem Fensterbrett oder auf dem Bärenfell im Wohnzimmer und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen. Ab und zu kam sie in mein Zimmer, kroch unter den Tisch, rumorte im Wandschrank rum oder legte sich auf mein Bett und schlief eine Runde. Als großer Katzenfan ließ ich Labelle ab und zu über Nacht in meinem Zimmer schlafen und musste sie dann aber morgens gegen 6 Uhr raus in den Flur lassen, weil sie mir sonst ins Zimmer pinkelte.

In der ganzen Zeit, in der ich bei Deborah gewohnt habe, hatte ich kein einziges tiefschürfendes Gespräch mit Labelle. Dafür hat mir Labelle oft Gesellschaft geleistet und von mir eine Ladung Streicheleinheiten bekommen.

Als ich Deborah einige Jahre später mal in New York City traf, erfuhr ich von ihr, dass Labelle gestorben war.

Seit Deborah in der Stadt arbeitete hatte sie Labelle immer eine Schale voller Katzenfutter und eine voller Wasser in der Wohnung stehen gelassen und Labelle hätte sich das Futter für die Woche selbst einteilen müssen. Nachdem sie einmal für zwei Wochen in New York geblieben war, fand sie bei ihrer Rückkehr die Katze tot in der Wohnung liegen. Sie sei wohl an Altersschwäche gestorben, vermutete Deborah.

Offenbar hatte Labelle ihrer Besitzerin nicht mitgeteilt, dass eine Schale Wasser ein bisschen wenig für zwei Wochen ist. Oder Deborah hatte mal wieder nicht richtig hingehört...