Mittwoch, 30. Juli 2008

Die beschämte Pianistin

Jenny, die Mitbewohnerin einer Freundin von mir, hatte eines der größten Zimmer in der Wohnung und konnte sich den Luxus leisten, sich ein Klavier ins Zimmer zu stellen. Sie selbst spielte nur sehr selten mal auf dem Klavier, aber ihre Mitbewohnerin Melanie war ganz schar darauf und hatte mit Jenny einen Deal ausgemacht, dass sie auf dem Klavier spielen darf, wann immer Jenny nicht da war.

Da Jenny zweimal pro Woche bis um 20 Uhr an der Uni war, hatte sich Melanie angewöhnt, an diesen Abenden je eine Stunde lang Klavier zu spielen, da sie sich sicher sein konnte, dass Jenny nicht im Haus war.

Zum Semesterende musste Melanie jedoch feststellen, dass diese lieb gewonnene Gewohnheit wieder ablegen musste: Wie üblich ging sie am Abend in Jennys dunkles Zimmer, um am Klavier zu spielen. Doch als sie das Licht anschaltete wurde ihr schlagartig klar, dass die Klavierstunde heute ausfallen würde.

Meine Freundin, die zu dem Zeitpunkt in der Wohnung war, meinte, dass sie nur ein verlegenes „Oh, Entschuldigung, das tut mir aber leid“ gehört habe und Melanie dann schleunigst wieder in ihr Zimmer verschwunden ist.

Offensichtlich spielten Jenny und ihre Freund gerade ein anderes Spiel bei welchem sie keine Klavierbegleitung haben wollten.

Jenny war Melanie aber nicht böse und erlaubte ihr weiterhin das Klavier zu nutzen. Nur musste die Pianistin die Planung der Übungsstunden in der vorlesungsfreien Zeit etwas flexibler gestalten.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Sie ist weg!

An einem regnerischen Tag im Monat Mai trat endlich das Ereignis ein, das ich und meine Mitbewohner Arno und Sigrid schon seit langem sehnsüchtig herbei gesehnt hatten: Diana gab uns ihren Auszug bekannt!

Zuerst dachte ich sie mache einen Witz, um mich zu ärgern, da sie ihre Pläne so ganz nebenbei in der Küche erwähnte. Ich kam in die Küche, um mir etwas aus meinem Vorratsschrank zu holen. Diana stand vor dem Herd und sagte, ohne sich zu mir umzudrehen: „Ach übrigens, übernächsten Samstag ziehe ich aus.“

Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass sie mich ansprechen würde. Seit einigen Wochen herrschte absolute Funkstille zwischen Diana und uns anderen Mitbewohnern. Normalerweise gingen wir uns aus dem Weg und wenn wir schon in einem Raum sein mussten, beachteten wir einander nicht oder einer verließ demonstrativ das Zimmer.

Ich dachte, ich hatte nicht richtig gehört: „Wie bitte?“

„Du hast schon richtig gehört. Ich ziehe nach Ravensburg, ich habe dort einen Job gefunden.“

„Echt? Bei welcher Firma denn?“

„Was geht es Dich an?“ – Diana war eben ein echter Wonneproppen!

Die gute Nachricht verbreitete sich in unserer WG schneller als die Raubkopie von Star Wars Episode 1 im Internet. Arno konnte sein Glück gar nicht glauben. Endlich zog der Drachen aus!

All die Streits, das gegenseitige Mobbing, die wüsten Beschimpfungen von Arno und der anschließende Polizeibesuch, die Treffen mit dem Vermieter, um ihn davon zu überzeugen Dianas Vertrag zu kündigen, hatten nicht zu erreichen vermocht, was Diana uns nun verkündet hatte. Sie würde gehen, uns verlassen, das Feld räumen und uns endlich von ihrer Anwesenheit befreien.

Das war besser als ein Millionengewinn im Lotto. Bald würden wir unsere WG wieder für uns haben, uns einen halbwegs normalen neuen Mitbewohner suchen können, abends nach Hause kommen können, ohne sich fragen zu müssen „Ist sie zu Hause? Hat sie schon wieder irgendwas verbrochen?“

Ich hatte bereits angefangen, mich selbst nach einem neuen Zimmer umzusehen, da ich die Situation mit dieser Frau im Haus nicht mehr ertrug und lieber selbst das Feld räumte, bevor mich diese Frau noch völlig in den Wahnsinn trieb.

Doch aufgrund dieser Ankündigung unterbrach ich meine Zimmersuche und harrte die letzten eineinhalb Wochen mit diesem Biest unter einem Dach auf, dann jetzt war ein Ende der Tortur absehbar!

Ich bedauerte zwar ihren künftigen Vermieter in Ravensburg, aber ich dachte mir: lieber der als ich!

Darüber hinaus würde der neue Vermieter mit Diana wohl kaum in einer Wohnung zusammen leben und bekam daher nur ihre verspäteten oder gänzlich ausbleibenden Mietzahlungen mit und nicht das volle Programm von Lügen und Betrügereien, das Diana so unbeliebt machte.

Die Zeit bis zu Dianas Auszug kommt mir auch heute noch vor, wie die längsten eineinhalb Wochen meines Lebens. Ich konnte es kaum erwarten, dass sie endlich verschwinden würde und auch Arno war bester Laune in den Tagen kurz vor Dianas Auszug.

Sigrid bekam Dianas Ende in unserer Wohnung gar nicht mehr mit. Sie hatte bereits zwei Monate zuvor das Feld geräumt und ihr Zimmer an unseren neuen Mitbewohner Wigald übergeben. Dieser kam bisher noch halbwegs gut mit Diana aus und verstand überhaupt nicht, was wir beiden anderen gegen sie hatten – aber so war es mir in den ersten paar Tagen in dieser WG auch ergangen. Diana war eben eine gute Schauspielerin. Doch ich hatte schon bald gemerkt, wie der Hase in lief - Wigald war eben nur noch nicht so weit.

Zu seinem Glück musste Wigald Diana aber nie so erleben, wie Arno, Sigrid und ich sie eineinhalb Jahre lang erleben mussten: hinterhältig, gemeingefährlich und nachtragend.

Am Tag als Diana auszog waren Arno und ich in der WG und sahen ihr und ihren Freunden beim Möbeltragen zu. Arno hatte sich ein Sixpack Bier gekauft und sich damit demonstrativ in den großen Flur gesetzt, um Diana und ihren Freunden beim Auszug zuzusehen.

Als ich am Nachmittag von der Uni nach Hause kam gesellte ich mich zu Arno dazu. Dieser hatte sein Sixpack bereits bis auf die letzte Dose geleert und war entsprechend guter Laune. Ich holte mir den Bürostuhl aus meinem Zimmer und setzte mich zu Arno dazu, um mir den Rest der Show anzusehen.

Diana funkelte uns ein paar Mal im Vorbeigehen an, aber sie wusste, dass wir ihr nicht helfen würden. Ich hatte über ein Jahr auf diesen Moment gewartet und Arno noch viel länger. Wir wollten jede Sekunde dieses Ereignisses genießen.

Kurz nachdem ich mich zu Arno dazu gesellt hatte, war Dianas Möbeltransport aber auch schon zu Ende. Sie hatte mit drei Freunden bereits den ganzen Vormittag geschleppt und ich erlebte nur noch die letzten paar Minuten mit, aber das reichte mir völlig aus. Eigentlich wollte ich mich nur versichern, dass sie tatsächlich auszog.

Als Diana noch einmal in die Wohnung zurückkam, um zu sehen, ob sie irgendwas vergessen hatte, waren Arno und ich wieder in unsere Zimmer verschwunden. Wir hatten keine Lust uns von ihr zu verabschieden oder ihr gar ein „Auf Wiedersehen“ zu wünschen.

Von dieser Person wollten wir beide nie wieder etwas sehen oder hören. Doch leider war dies nur ein frommer Wunsch und unser Ärger mit Diana war noch nicht ganz durchgestanden.

Donnerstag, 17. Juli 2008

Hier ist Gerhard

Da saß er nun also, vergrub seinen Kopf in den aufgestützten Händen, so dass nur noch seine fettigen, schulterlangen blonden Haare zu sehen waren und er sagte mit gedämpfter Stimme: „Ich bin eigentlich gar nicht so schlimm.“


Wenn Mitbewohner in den Sommermonaten aus der WG auszogen, war es immer nicht so einfach einen Nachmieter zu finden. In der schwülen Sommerhitze hatten die Studenten meistens interessantere Dinge zu tun, als sich ein neues Zimmer zu suchen.

So lange ich in einer WG des Studentenwohnheims wohnte, war das auch kein Problem. Dann blieb das Zimmer eben leer stehen und das Studentenwerk hatte einen Mietausfall. Der Herr Franke vom Studentenwerk war dann zwar nicht so glücklich darüber, aber was sollte er machen. Wenn es mehr Zimmer als Interessenten auf dem Wohnungsmarkt gab, konnte selbst das mächtige Studentenwerk keinen Nachmieter aus dem Hut zaubern... hatten wir jedenfalls gedacht!

Ende Mai hatte uns Tatjana verlassen. Ich war in ihr großes Zimmer weiter gezogen und so wurde in unserer Studentenwohnheim-WG das kleine Zimmer mit spendablen 9,6 Quadratmetern Wohnraum frei.

An den Pinnwänden, Schwarzen Brettern und praktisch jeder Säule im Foyer der Universität klebten damals schon dutzende von Zetteln mit Zimmerangeboten in allen Wohnlagen vom Wohnheim in der Gottfried-Keller Straße bis zu den begehrten Riesenzimmern in der Chéresy Kaserne oder Luxuszimmern im Malerviertel.

Mit anderen Worten: Auf dem Wohnungsmarkt sah es für Vermieter schlecht aus.

So war es auch nicht verwunderlich, dass wir im Juni keinen Nachmieter finden konnten. Zwar stellten sich zwei oder drei Studenten vor, aber als ihnen klar wurde, dass die „Abstellkammer“ tatsächlich das zu freie Zimmer war lehnten alle dankend ab.

Daher stellte uns Herr Franke von der Wohnungsverwaltung des Studentenwerks ein Ultimatum: Wenn wir in den ersten beiden Juliwochen keinen Nachmieter finden können, dann müssen wir entweder die Miete für das Zimmer zahlen oder er setzt uns jemanden in die Wohnung.

Das war zwar eine starke Androhung, aber wir gingen davon aus, dass Herr Franke genauso wenig Erfolg bei der Nachmietersuche haben würde wie wir und wir daher keine Strafe zu befürchten hätten. Wir versuchten im Juli zwar schon auch, einen neuen Mieter zu finden, aber wir hatten kein Glück und so blieb das Zimmer leer.

Am Ende der zweiten Juliwoche klingelte bei uns in der WG morgens das Telefon und Herr Franke war dran, um sich nach dem Stand unserer Nachmietersuche zu erkundigen. Meine Mitbewohnerin Nadine war am Telefon und erklärte dem Wohnungsverwalter, dass wir trotz intensiver Suche keinen Nachmieter finden konnten.

„Also ich hätte da jemanden für Sie.“, sagte Herr Franke in einem verschwörerischem Tonfall. „Der hat schon in mehreren Zimmern bei uns in den Wohnheimen gewohnt und ist ein ruhiger Mitbewohner. Ich schicke ihnen den Mann am Montag früh mal vorbei.“

„Wenn sie ihn ablehnen, dann müssen sie das Zimmer mitbezahlen!“

Nadine, von Haus aus eine Frohnatur, ging auf diese Drohung nicht ein. „Klar, schicken sie uns den Studenten vorbei. Das wird schon passen!“


Am Montag gegen halb 11 Uhr früh klingelte es an der Tür und wenig später stand ein großer, bäriger circa 30 Jähriger Mann mit schulterlangen mittelblonden Haaren vor unserer Tür. Mir kam sein Gesicht irgendwie bekannt vor, aber ich dachte, dass dieses Bekanntheitsgefühl vielleicht an dessen Ähnlichkeit mit dem Französischen Schauspieler Gérard Depardieu liegen müsse, die mir sofort aufgefallen war.
„Hallo, ich bin Gerhard und soll mich hier für ein Zimmer vorstellen“, sagte der Mann.

Nadine bat ihn in die Wohnung. „Hier links ist die Tür zum Badezimmer und die da vorne rechts gegenüber der Küche ist das freie Zimmer.“

„Ich kenne mich hier aus. Ich habe schon einmal in einer Gottfried-Keller-WG gewohnt.“

„Ach so. Dann brauche ich Dir das Zimmer ja gar nicht zu zeigen“, sagte Nadine und lenkte Gerhard in die Küche. „Magst Du was Trinken? Kaffee? Tee? Bier?“

„Ein Glas Wasser, bitte.“

Während Nadine Gerhard etwas Wasser hinstellte, ging ich zu Carolines Zimmer und klopfte an ihre Tür.

„Caro, bist Du schon wach? Der Bewerber für das Zimmer ist da.“

Eine müde Stimme rief durch die verschlossene Tür: „Ich komme gleich.“

Wenige Minuten später saßen wir zu dritt vor unserem potentiellen Mitbewohner und stellten ihm die üblichen Fragen:

„Was studierst Du?“ – „Philosophie und Englisch auf Lehramt.“
„In welchem Semester bist Du?“ – „Im 24.“
„Wie alt bist Du?“ – „32 Jahre.“
„Was für Musik hörst Du?“ – „Keine.“
„Wann könntest Du einziehen?“ – „Sofort, ich muss nur meinen Koffer holen.“
„Bringst Du irgendwelche Küchengeräte oder Möbel mit in die Wohnung.“ – „Nein, ich habe nur meinen Koffer.“

„Warum fragt ihr denn so viel. Was bringt euch denn all dieses Wissen? Könnt ihr euch nachher überhaupt noch daran erinnern? Fragt ihr das jeden, der sich hier vorstellt?“

Offenbar ging Gerhard unsere Fragestunde auf die Nerven.

„Müssen wir noch irgendwas Wichtiges über Dich wissen?“, fragte ich, um Gerhards Erregung zu überspielen.

„Ja. Ich bin ein Zwangsneurotiker. Morgens muss ich immer Händewaschen und ich muss mich versichern, dass alle Türen und Fenster richtig zu sind. Aber das ist nicht so schlimm.“

„Ach ja, und ich habe Angst davor, etwas vom Boden aufzuheben, weil man dabei den Fuchsbandwurm bekommen kann.“

Gerhard ging sehr offen mit seiner Erkrankung um. Offenbar redete er nicht zum ersten Mal darüber. So beiläufig, wie er uns seine Neurosen erklärte, klang es wirklich danach, dass das alles kein Problem sei.

„Das ist aber nicht ansteckend.“

„Nadine und ich studieren Psychologie. Wir haben im Studium schon darüber gehört.“

„Ach echt? Psychologen machen doch immer so Experimente mit einem.“

„Solche Psychologen sind wir nicht“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Ich habe mal eine Therapie bei einem Psychologen gemacht. Der hat mich immer meinen Ängsten ausgesetzt. Das mochte ich gar nicht und habe die Therapie abgebrochen.“

„Das nennt man Desensibilisierung. Soweit ich weiß funktioniert das ganz gut“, meinte ich.

„Das hat mir gar nicht gefallen.“, antwortete Gerhard. Dann lehnte er sich zurück und sagte nichts mehr. Caroline, Nadine und ich sahen uns fragend an: was machen wir mit dem jetzt?

Gerhard rutschte auf seinem Stuhl wieder nach vorne, stützte sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch ab und vergrub seinen Kopf in den Händen.

„Ich bin eigentlich gar nicht so schlimm“, sagte er.

(Fortsetzung folgt...)

Mittwoch, 9. Juli 2008

Unter Strom

In meiner Altstadt-WG war so einiges marode. Unter dem Dielenboden, in der Decke und in den Wänden krabbelten Mäuse herum, zwischen den Fensterbrettern und der Wand pfiff der Wind durch und wenn ich meine Steckerleiste anschaltete flog in einem von drei Fällen die Sicherung in meinem Zimmer raus. Im Winter herrschten im großen Flur Minusgrade, da die Türen zu den Abstellkammern und dem Dachboden nicht isoliert waren. Darüber hinaus gab es für unsere Wohnungstür keinen Schlüssel, so dass wir nur die Haustüre im Erdgeschoss verschließen konnten, nicht jedoch unsere Wohnung im 4. Stock. Zum Glück erweckte die Treppe zu unserer WG hoch den Eindruck, als würde sie auf den Dachboden führen, so dass viele Gäste bei ihrem ersten Besuch den Weg in unsere Wohnung nicht fanden und sich per Handy erklären ließen, wie weit sie noch gehen mussten. Und selbst die Zeugen Jehovas machten kehrt, bevor sie ihre frohe Botschaft zu uns tragen konnten. Trotz der eklatanten Sicherheitsmängel wurde in der ganzen Zeit, in der ich dort gewohnt habe nicht einmal eingebrochen ... auch wenn aufgrund Dianas Treiben ab und zu Dinge verschwanden, aber das ist eine andere Geschichte.

Das größte Risiko für Leib und Leben war jedoch unsere Küche und das nicht nur wenn Wigald sein Kaffeekännchen falsch befüllte, sondern immer dann, wenn man die falschen Geräte zur gleichen Zeit anfasste. Oft wenn ich mein Geschirr abspülte bekam ich einen kleinen elektrischen Schlag, mitunter so stark, dass man den Funken zwischen der Spüle und dem Finger sehen konnte.

Da ich im Winter wegen der frostigen Temperaturen im Flur oft einen Wollpullover trug, dachte ich, dass die Stromschläge nur statische Aufladung aufgrund des Pullovers wären. Doch als die Schläge im Frühjahr immer noch nicht aufhörten, obwohl ich dann auf leichtere Bekleidung umgestiegen war, fragte ich mich dann doch so langsam, ob die Ursache für diese unangenehme Begleiterscheinung beim Spülen nicht woanders lag.

Meinen Mitbewohnern ging es ähnlich und so machten sich Arno und ich mal gemeinsam auf die Suche nach der Quelle dieser elektrischen Schläge. Schon bald stellten wir fest, dass man immer „eine geschossen“ bekam, wenn man die Waschmaschine und irgendein anderes elektrisches Gerät oder einen Teil der Spüle anfasste. Wir konnten an der Waschmaschine jedoch keinen offensichtlichen Schaden entdecken und da keiner von uns Elektriker war, informierten wir unseren Vermieter Herrn von Hohenhaus über unser Problem und baten ihn, einen Handwerker ins Haus zu holen, der die Küche mal unter die Lupe nahm.

Wie es bei unserem menschenscheuen Vermieter so üblich war, grinste er Arno und mich erst einmal an und wippte unruhig auf den Fußballen auf und ab.

„Meine Herren“, sagte er. „Sind Sie sich sicher? Könnte es nicht einfach nur statische Aufladung sein?“

Arno erwiderte ein bestimmtes „Nein! Wir haben es mehrfach ausprobiert und bekommen immer eine gewischt, wenn wir die Waschmaschine und irgendein anderes Gerät anfassen. Irgendwas stimmt in der Küche nicht. Wir wollen, dass das sich ein Elektriker das mal ansieht.“

„Aber meine Herren, ein Elektriker kostet Geld. Was ist, wenn da gar nichts in der Küche ist? Dann muss ich den Elektriker für nichts und wieder nichts bezahlen!“ - Ja, ja, der Herr von Hohenhaus war immer so ein Pfennigfuchser!

„Herr von Hohenhaus, wenn der Elektriker nichts finden, dann zahlen wir die Rechnung“, versicherte ich ihm.

Unser Vermieter guckte verdattert, wich einen Schritt zurück und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Schließlich sagte er: „Also gut, wenn der Elektriker nichts findet, dann übernehmen sie Kosten! Das ist gut. Sehr schön.“

„Wenn das alles ist, dann gehe ich jetzt wieder.“

Er machte auf dem Absatz kehrt und flüchtete aus dem kleinen Seitenflur in den großen Hausflur. Beim Weggehen sagte er laut genug, dass wir es hören konnten: „Ich melde mich bei Ihnen, wenn ich mit dem Techniker einen Termin ausgemacht habe.“

Wenige Tage später lag ein Zettel in unserem Briefkasten, dass ein Techniker am heutigen Abend zu uns kommen werde und zumindest einer von uns Mitbewohnern in der Wohnung sein sollte, um den Elektriker zu erklären, was das Problem in der Küche ist.

Arno und ich waren beide in der Wohnung als Herr von Hohenhaus mit dem Elektriker im Schlepp zu uns in die Wohnung kam.

„Das ist Herr Mühlacker“, stellte uns der Vermieter den Mann vor. „Er will sich mal Ihre Küche ansehen. Können Sie ihm mal ihr Problem schildern?“

„Wir bekommen immer einen Stromschlag, wenn wir in der Küche die Waschmaschine und die Spüle oder den Kühlschrank anfassen“, subsummierte Arno das Problem knapp.

„Das ist unmöglich!“, erwiderte der Elektriker bestimmt.

„Sie können es gerne ausprobieren!“

„Das brauche ich nicht auszuprobieren. Ich weiß, dass so etwas nicht möglich ist. Hermann, diese Männer haben doch keine Ahnung wovon sie reden. Ich gehe wieder.“

Offenbar war der „Elektriker“ ein Kumpel von unserem Vermieter. Es hätte mich auch ehrlich gesagt gewundert, wenn dieser einen echten Techniker ins Haus geholt hätte, der ihm eine Rechnung gestellt hätte.

Herr Mühlacker wollte sich schon umdrehen, da meinte Arno: „Ich wette mit Ihnen um 50 Euro, dass eine Spannung zwischen der Waschmaschine und der Spüle fließt, wenn man beide anfasst.“

Der Elektriker hielt in der Bewegung inne, überlegte kurz und meinte dann. „Okay. Aber ich kann Ihnen jetzt schon garantieren, dass Sie diese Wette bereuen werden.“

„Komm Hermann, dann schauen wir uns die Küche doch mal an.“

Gemeinsam gingen die beiden in Richtung Küche. Der Elektriker grinste Arno zweideutig an, als er an ihm vorbei lief. Wir folgten den beiden, wohl wissend, dass der Elektriker gleich sein blaues Wunder erleben würde.

Herr Mühlacker packte aus einer mitgebrachten Tasche ein kleines Messgerät aus, drehte sich zu uns um und fragte gespielt unschuldig: „Wo sagten Sie noch würde ein Strom fließen? Zwischen Spüle und Waschmaschine?“

Dann hielt er eine der beiden Prüfspitzen seines Spannungsmessers an die Spüle und die zweite an den Metallrahmen auf der Oberfläche der Spülmaschine. Der Zeiger des Messgeräts hüpfte sichtbar einige Einheiten auf der Skala hoch und verharrte auf dieser Position.

Ähnlich starr wurden die Augen des Elektrikers und der sein Mund formte sich langsam zu einem großen „O“.

Als er sich wieder gefangen hatte, rief er laut aus: „Hermann! Ich habe eine Spannung! Das gibt es doch gar nicht, Hermann, hier fließt eine Spannung!“

Seine Stimme überschlug sich beim letzten Satz fast vor Aufregung.
„Wie gibt’s denn so was. Das geht doch gar nicht!“

Herr von Mühlacker bekam einen hochroten Kopf, so dass ich schon befürchtete er würde gleich eine Hirnblutung bekommen.

„Beruhig Dich, Sebastian“, redete der Vermieter auf ihn ein. „Miss doch noch mal nach. Vielleicht hat Dein Messgerät einen Fehler.“

„Nein, nein. Heute Morgen habe ich es noch benutzt. Das Gerät ist in Ordnung. Hier in der Küche stimmt was nicht. Hier liegt eine aktive Spannung an. Das ist ja Lebensgefährlich!“

Arno grinste den verdatterten Elektriker an. Doch dieser verstand den Wink mit dem Zaunpfahl nicht und machte keine Anzeichen sich zu entschuldigen. Stattdessen sagte er: „Was macht überhaupt eine Waschmaschine in der Küche?“

„Als ich an der FH war sind wir zu einem Waschsalon gegangen, um unsere Wäsche zu waschen. Die Studenten heute haben so einen Luxus in Ihren Wohnungen! Das gab es damals bei uns nicht!“

„Was hat ihre Studienzeit denn mit unserer Küche zu tun?“, fragte ich den Elektriker. „Finden Sie doch lieber heraus, was das Problem ist und wie wir es lösen können!“

„Das Problem ist die Waschmaschine. So etwas gehört nicht in eine Küche! Die darf hier überhaupt nicht stehen.“

Nun schaltete sich auch Arno in die Diskussion ein. „Hören Sie, uns ist es egal, was sie über den Luxus der Studenten heute denken. Können Sie unser Problem lösen oder sollen wir einen richtigen Elektriker rufen?“

Diese Worte waren Herrn Mühlacker offenbar zu viel und er meinte: „Sie haben überhaupt kein Recht eine Waschmaschine in der Küche anzuschließen! Die hat da nichts zu suchen. Ich werde Ihnen jetzt das Stromkabel durchschneiden, damit sie diese Maschine nicht mehr verwenden können! Gehen Sie gefälligst in einen Waschsalon wie wir das seinerzeit getan haben.“

Er drehte sich zu unserem Vermieter um. „Hermann, hast Du eine Kneifzange dabei?“

Nun wurde es auch Arno zu viel und er ging auf den Elektriker zu und meinte: „Einen Scheiß werden sie tun. Wenn Sie unsere Waschmaschine anfassen, schlage ich ihnen die Zähne ein!“

„Was?“, keifte der Elektriker. „Sie werden schon sehen, was ich mit ihrer Waschmaschine mache.“

Arno war noch einen weiteren Schritt auf den Ingenieur zugegangen, welcher als Antwort die rechte Faust ballte und hoch hob. In diesem Moment schritt unser Vermieter ein. Er griff mit beiden Händen nach dem erhobenen Arm seines Freundes und zog ihn in den kleinen Flur vor der Küche zurück.

„Sebastian komm“, flehte er verzweifelt. „Lass uns gehen! Das bringt doch nichts, Sebastian!“

Der Elektriker ließ sich von seinem Kumpel erstaunlich widerstandslos in den großen Hausflur abdrängen. Aber da Arno gut einen Kopf größer und sicher zehn Jahre jünger als der pummelige Techniker war, hätte letzterer bei einer physischen Auseinandersetzung sicherlich den kürzeren gezogen und so räumte er kampflos das Feld.

Im Flur diskutierten der Vermieter und sein Kumpel noch lautstark während ich mich in die Küchentür stellte und dem immer noch verärgerten Arno den Weg blockierte. Dieser lief wütend in der Küche hin und her und murmelte allerlei Flüche und Schimpfworte vor sich her.

Kurz darauf war Ruhe im Hausflur eingekehrt. Doch schon wenig später hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Zuerst dachte ich, dass Diana nach Hause gekommen wäre, doch kurz darauf stand Herr von Hohenhaus noch einmal im kleinen Flur.

„Meine Herren, so springt man doch nicht miteinander um! Was soll Sebastian denn jetzt von uns denken?“

„Hören Sie mal Herr Hohenhaus, Ihr ‚Elektriker’ hat damit angefangen. Ich habe nur darauf reagiert!“, sagte Arno.

Der Vermieter ließ sich auf keine Diskussionen ein. „Ach wie dem auch sei. Im Moment können wir nichts gegen ihr Problem tun. Vermeiden Sie einfach, die Spüle und die Waschmaschine gleichzeitig anzufassen und ich schaue mir das Gerät mal an, wenn ich wieder Zeit habe.“

Herr von Hohenhaus war eben ein praktisch veranlagter Mensch...

Mittwoch, 2. Juli 2008

WG-Legenden

Jede WG hat so ihre Legenden, über die Gründung der WG, über komische Mitbewohner oder großartige Partys oder sonst irgendwelche außergewöhnlichen Vorkommnisse.

Als ich in meine Studentenwohnheim-WG zog bekam ich von Caroline und Petra so einige Geschichten über meine männlichen Vorgänger in der WG zu hören. Lars und ich waren damals zeitgleich in die Wohnung eingezogen, da die Caroline und Petra von beiden männlichen Mitbewohnern im selben Monat verlassen wurden. Der eine musste aus dem Wohnheim ausziehen, da er seine maximale Wohnzeit von 4 Semestern in einem Uni-Wohnheim überschritten hatte und der andere zog aus, weil er sein Wirtschaftswissenschaften-Studium gegen eine Kochschürze eingetauscht hatte.

Guido, ein Mitbewohner der Generation vor diesen jüngsten Ex-Mitbewohnern, war ein rechter Heißsporn, wenn man den Schilderungen von Caro Glauben schenken konnte. Ständig hatte er eine neue Freundin und praktisch im Wochentakt gaben sich neue Studentinnen die Klinke der WG-Tür in die Hand.

„Einmal“, sagte Caroline zu mir, „wollte ich Guido morgens die Post an die Tür legen. Da die Tür einen Spalt breit offen war und Guido mich gesehen hatte, rief er zu mir raus, dass ich ihm die Post auch reinbringen könnte.“

„Also machte ich die Tür auf, um ihm die Post reinzubringen, doch als ich Guido sah, fielen mir die Briefe gleich aus der Hand. Da prangerte dieses Schleimbolzen mit nacktem Oberkörber im Bett, hatte nur die wesentlichen Körperteile mit einer Decke verhüllt und in seinen beiden Armen hingen nackte Studentinnen und himmelten ihn als, als wäre er Brad Pitt. Unglaublich!“

„Ich machte fast einen Salto rückwärts, als ich das sah! Was war an diesem Kerl nur dran, dass die Frauen ihm immer scharenweise zu Füßen lagen? Hatte der so einen tollen Schwanz oder was?“ - Caro war mal wieder so richtig subtil...

Witzigerweise hatte Caro so ein seltsames Leuchten in den Augen, als sie über Guido und seine Frauen erzählte – vielleicht wäre sie ja gerne mal eine davon gewesen? Wer weiß...