Freitag, 28. November 2008

Das erste Mal im Internet

Als ich mein Studium an der Uni Konstanz anfing, startete Pulp Fiction gerade seinen Siegeszug im Kino und als das Standardthema für viele studentische Motto-Parties, Michael Jackson hatte noch sein eigenes Gesicht und das Internet war unter dem wenig ruhmreichen Namen „World Wide Wait“ in ein paar Fachzeitschriften bekannt.

Um seinen wenigen Freunden, die auch schon eine E-Mail Adresse besaßen eine Nachricht zu schicken, musste man sich mit einer 3,5 Zoll Diskette in der Hand in die Schlange vor einem der wenigen E-Mail Computer stellen, die an zentralen Stellen an der Uni aufgestellt waren. Ging die Diskette mal verloren oder kaputt, dann waren alle E-Mails und Adressen weg und man musste sich im Rechenzentrum von einem studentischen Mitarbeiter eine neue E-Mail Diskette installieren lassen – gegen Gebühr natürlich.

Alternativ konnte man sich in die Untiefen des Rechenzentrums begeben und hoffen, dass dort in einem der beiden CIP Pools – dem Computer Investitions Programm –im Untergeschoß des Uni-Gebäudes ein Computer frei war.

Dort versammelten sich die Studenten vor den Computern auf der Flucht vor den omnipräsenten Schlangen an den E-Mail PCs im oberirdischen Teil der Uni oder um halbwegs ungestört im Internet surfen zu können, denn an den E-Mail PCs bekam man spätestens nach 20 Minuten auf die Schulter getippt und wurde höflich gefragt, ob man noch lange brauche.

Manch ein Student vergaß beim Internet Surfen, dass die Abgeschiedenheit der CIP Pools nicht bedeutete, dass man dort unbeobachtet war. Da die PCs in 5 oder 6 Tischreihen hintereinander aufgestellt waren, konnte man aus den hinteren Reihen problemlos den Pool-Besuchern vor sich auf den Monitor stehen.

Meist konnte man den Studenten schon beim Betreten des CIP Pools ansehen, was sie hinter dem vermeintlich sicheren Versteck ihres Röhrenmonitors trieben. E-Mailer und Chatter konnte man leicht an der Tipp-Geschwindigkeit ihrer Finger erkennen, Surfer schubsten klicken die ganze Zeit auf den Maustasten rum und ein paar wenige fleißige Studenten schmückten ihren Arbeitsplatz mit Büchern aus der Bib und einigen Schmierzetteln.

Wenn sich männliche Studenten zu zweit oder zu dritte kichernd hinter einem Computermonitor tummelten, war auch nicht schwer zu erraten, was die da so trieben.

Dumm war nur, wenn die Männer in einer der vorderen Reihen saßen und diesen Umstand in ihrem Eifer, ein paar pixelige Nacktbildchen bei Lycos zu entdecken, vergessen hatten.

Meine WG-Nachbarin Gabi hatte auch mal ein paar Studenten bei der virtuellen Fleischbeschau in der Reihe vor sich erwischt.

„Ich bin aufgesprungen und habe ganz laut ‚Ihr Schweine’ zu den beiden gesagt“, erzählte sie mir lachend. „Du glaubst gar nicht, wie schnell die beiden verschwunden waren! Der eine von beiden hat sogar seine E-Mail Diskette liegen gelassen“.

„Und, was war drauf?“

„Ich habe doch nicht drauf geschaut,“ meinte sie entrüstet. „Natürlich habe ich sie im Büro des Rechenzentrums abgegeben!“

„Nun ja, ich glaube nicht, dass einer der beiden die Diskette wieder abholt. Das ist denen bestimmt viel zu peinlich“, vermutete ich.

„Solche Schweine. Die können sich doch nicht in einem öffentlichen CIP Pool Pornos ansehen. Das sieht doch gleich jeder!“

„Ich würde mal vermuten, dass die dann eh nur ein Stock tiefer zum zweiten Pool gegangen sind, um dort ihr Werk zu vollenden. Da ist es meistens ein bisschen ruhiger...“

„Das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen“, bemerkte Gabi abschließend.


Zum Glück gibt es heutzutage ein uniweites WLAN und jeder kann sich mit seinem Laptop dorthin verziehen, wo er sich unbeobachtet wähnt. Was männliche Studenten, die sich kichernd hinter einem Laptop versammelt haben, gerade machen, kann man sich aber trotzem immer noch leicht ausmalen.

Freitag, 21. November 2008

Einkaufsorgien mit Tatjana

In der Nähe meiner Wohnheim WG gab es zwei Supermärkte, den Penny Markt an der Wollmatinger Straße und Grosso im Untergeschoss des Seerhein Centers am Zähringer Platz.

Beim Einkauf hatte ich immer die Qual der Wahl, billig oder gut... meist entschied ich mich für billig, aber manchmal gönnte ich mir auch den Luxus, Gutes einkaufen zu gehen.

Manchmal fragte ich meine Mitbewohnerinnen Tatjana oder Caroline ob ich ihnen was mitbringen sollte. Caroline bestellte oft bei mir was, Tatjana hingegen ging oft spontan mit zu Grosso. Zuerst dachte ich, dass sie mir all ihre Einkäufe nicht auch noch aufbürden wollte, doch bald merkte ich, dass der Grund für Tatjanas Begleitung ein anderer war.

Nachmittags klopfte es an meine Zimmertür und ich hörte Tatjanas Stimme: „Ich gehe zum Einkaufen, kommst Du mit?“

Ich ging an die Tür und öffnete sie. „Ich war gestern erst Einkaufen und brauche nichts.“

„Dann komm’ eben so mit“, meinte sie.

„Warum?“

„Ich gehe so gerne mit Dir einkaufen.“

„Wieso das?“

„Du bist beim Einkaufen immer so locker und entspannt, das steckt total an. Da macht Einkaufen richtig Spaß!“

„Okay, wenn das so ist... dann ziehe ich mal eben Schuhe an und komme ich mit.“

Gekauft habe ich natürlich doch was bei Grosso, auch wenn ich eigentlich nichts brauchte.

Seit diesem Abend lud mich Tatjana öfter mal zum Einkaufsbummel durch den Supermarkt ein. Manchmal sogar, wenn keiner von uns was Kaufen wollte, sondern einfach nur, um sich mit mir zu unterhalten, wenn sie mal wieder Probleme mit ihrem Freund oder mit den andern Mitbewohnern hatte. Das waren die eher günstigen Einkaufstouren zum teureren der beiden Supermärkte...

Mittwoch, 12. November 2008

Ich riech etwas, was Du auch riechst...

Es dauerte nicht lange, bis meine Mitbewohner und ich merkten, was für ein Kuckucksei uns das Studentenwerk mit Gerhard, dem neusten Mitglied unserer Wohnheim-WG gelegt hatte.

Nachdem sich Gerhard am ersten Morgen in unserer WG gleich nach der Begrüßung an die Uni verdrückte hatte, waren Caroline, Nadine und ich noch nicht in den Genuss von Gerhards, sagen wir mal, speziellen Qualitäten gekommen.

Am nächsten Tag änderte sich das schlagartig und nachhaltig:

Dienstag früh saß ich in der Küche beim Frühstück. Ich hatte mir zwei Scheiben Brot geschmiert und hatte gerade zweimal in eine davon hinein gebissen, als Gerhards Zimmertür direkt gegenüber der Küche aufging. Gerhard kam, nur mit einer, an strategisch ungünstigen Stellen verfärbten, weißen Unterhose und in Bergsteigerstiefeln aus seinem Zimmer heraus und lief ohne ein Wort zu sagen eilig in Richtung Badezimmer. Er wirkte recht nervös, so sehr sogar, dass er vergaß die Tür zum Bad zu schließen. Zum Glück ging er aber nicht auf’s Klo, sondern drehte gleich den Wasserhahn auf.

Ich schüttelte ungläubig den Kopf und wollte mich wieder meinem Frühstück widmen, doch in diesem Moment drang mir ein Gestank in die Nase, bei dem es mir sofort speiübel wurde. Nur mit Mühe konnte ich verhindern, dass ich die erste Hälfte meines Frühstücks wieder sah!

Ich hatte ja schon öfter mal mitbekommen, was morgens aus den Zimmern meiner Mitbewohner für ein Geruch dringt, wenn diese dort eine Nacht mit geschlossenem Fenster verbracht haben. Aus meinem Zimmer roch es sicher auch nicht anders, wenn ich im Winter das Fenster über Nacht geschlossen hatte.

Aber der Geruch, der sich aus Gerhards Zimmer in den Flur und die Küche ergoss und meine unschuldige Nase missbrauchte, war nicht im Entferntesten verwandt mit Duft, den meine aktuellen und bisherigen Mitbewohner über Nacht in ihren Zimmern züchteten. Dieser Gestank ebnete mir unfreiwillig den Weg in eine völlig neue Sphäre der Geruchswahrnehmung!

Nachdem ich erfolgreich mein Frühstück ein zweites Mal herunter geschluckt hatte, schoss mir als erster Gedanke die Frage in den Kopf, ob mein Ex-Mitbewohner Johannes vor zwei Monaten tatsächlich ausgezogen war oder vielleicht tot unter dem Bett in Gerhards Zimmer lag.

Aber bevor ich mich entscheiden konnte, ob ich diese Hypothese mit einer Datenerhebung durch einen Besuch von Gerhards Zimmer untermauern sollte, kam Caroline in die Küche. Ihr Gesichtsausdruck war unmissverständlich.

„Wir müssen den Hausmeister rufen!“, sagte sie aufgeregt. „Irgendwas ist mit unserem Klo kaputt. Hier stinkt es wie in einer Kloake.“

„Das kommt aus Gerhards Zimmer!“, sagte ich mit zu gehaltener Nase. „Mach schnell die Tür zu, mir ist speiübel.“

Caroline ließ sich nicht zweimal Bitten und schlug die Küchentür zu. „Meine Güte, ist er in Hundescheiße getreten oder was?“

„Ich habe keine Ahnung“, sagte ich während ich mich zum Küchenfenster umdrehte und es sperrangelweit aufriss. „aber so einen Gestank habe ich meinen Lebtag noch nicht gerochen! Das muss ein ganzes Rudel von Hunden gewesen sein.“

„Mit Durchfall“ pflichtete mir Caroline bei. „Wo ist Gerhard gerade?“

„Hörst Du es nicht?“ antwortete ich. „Er steht im Bad und wäscht sich.“

„Wenn er fertig ist, muss ich ihn mal fragen, was er in seinem Zimmer angestellt hat, dass es so stinkt.“

„Du kannst ihn auch sofort fragen gehen. Er hat die Badezimmertür nicht zu gemacht.“

„Ehrlich? Und was macht er da?“

„Händewaschen“, vermutete ich.

„Ich gehe mal schauen,“ meinte Caroline.

„Aber mach bloß die Tür hinter Dir zu!“

Caroline trat mutig in den Flur hinaus, schloss pflichtbewusst die Tür. Wenige Sekunden später kam sie wieder zurück mit der Hand vor dem Mund. „Wusstest Du, dass er nur Unterwäsche an hat?“

Ich nickte stumm, da ich keine Luft zum Sprechen holen wollte, in der Hoffnung, dass die neue Dunstwolke von der Küchentür aus ungeatmet an mit vorbei ziehen würde.

„Hast Du die Farbe von Gerhards Unterwäsche gesehen?“

Ich nickte schweigend.

„Jetzt ist mir auch schlecht.“ sagte Caroline.

„Ich glaube wir haben ein Problem,“ fasste ich die Situation treffend zusammen.

Donnerstag, 6. November 2008

Wahl-Special: Wie ich fast den Amerikanischen Präsidenten traf

Bei einem meiner Praktika an der New York University wohnte ich mit Max, einem Studenten aus Litauen zusammen in einer kleinen zwei Zimmer Wohnung im Herzen von Brooklyn.

Die Wohnung lag genau auf der Grenze zwischen einem Jüdischen und einem Afroamerikanischem Wohngebiet. Wenn ich spät abends mit der U-Bahn Linie F von Manhattan zu meiner Wohnung in Brooklyn fuhr, war ich meistens der einzige weiße Fahrgast in der gesamten U-Bahn. Das war schon ein komisches Gefühl.
Überhaupt stießen in dem Wohngebiet die Gegensätze aufeinander. Die Jüdischen Häuser waren alle sehr gepflegt, die Rasen gemäht und die Hecken sauber beschnitten. Auf der anderen Seite der Nostrand Avenue begann unübersehbar das Afroamerikanische Wohngebiet: überall lagen Mülltüten auf dem Gehweg, viele Häuser hatten dringend eine Sanierung notwendig und die Rasen und Hecken sahen deutlich ungepflegter aus als auf der anderen Seite der Straße. Der Unterschied zwischen Arm und Reich war hier unübersehbar.

Da ich jeden Morgen und jeden Abend über eine Dreiviertelstunde mit der U-Bahn fahren musste, um zur Uni zu kommen, blieb abends ich nach der Arbeit oft in Manhattan, um dort noch etwas von New York City zu sehen. So besuchte ich dort eine Broadway Show im Theater der Marriott Hotels am Times Square und trank danach einen Cocktail im rotierenden Restaurant im obersten Stock des Hotels oder ich sah einen Auftritt der Blue Man Group.

Oft lief ich abends aber nur durch Manhattan und sah mir Straßen oder Stadtteile an, die ich noch nicht gesehen hatte. So lief ich eines Abends die 8th Avenue runter und wollte wieder zurück in Richtung Broadway, als ich mich unvermittelt vor einer Straßensperre wieder fand. Alle paar Meter standen Polizisten oder Spezialeinheiten in schwarzen Anzügen mit dunklen Brillen und einem Kabel in einem Ohr – wie in einem Will Smith Film.

Neugierig wie ich nun einmal bin, sprach ich einen Polizisten an, um zu fragen, was da los ist.

„Der Präsident und die First Lady sind gerade beim Abendessen in einem Restaurant auf dieser Straße“, erwiderte der Polizist.

„Dafür das ganze Aufkommen?“

„Der Präsident ist ein wichtiger Mann.“ Der Polizist winkte mir mit seiner Hand. „Bitte gehen Sie weiter.“

„Aber ich würde gerne diese Straße gehen, da ich zum Broadway will,“ sagte ich.

„Das tut mir leid, aber hier können Sie nicht durch. Nehmen Sie die nächste Querstraße einen Block südlich von hier.“

„Können Sie mich nicht durchlassen. Der nächste Block ist ganz schön lang. Ich werde den Präsidenten auch nicht um ein Autogramm bitten. Ich möchte nur durch.“

Der Polizist blieb hart: „Wenn Sie nicht gleich weiter gehen, muss ich Sie verhaften.“

Das war ein sehr überzeugendes Argument. Also ging ich weiter bis zur nächsten Querstraße, die plötzlich gar nicht mehr so weit entfernt war.

So traf ich nur fast einmal den Amerikanischen Präsidenten...